Lkw-Fahrer, die beim Abbiegen einen Fußgänger oder Radfahrer überrollen, kamen in Berlin bisher stets mit einer Geldstrafe davon. Hinzu kommt die Last, einen Menschen getötet zu haben, an der manche Unfallverursacher zerbrechen, während sie anderen weniger ausmacht.
Beate Flanz ist eines der wenigen Opfer, die einen solchen Unfall überlebt haben. Eine Stunde lang berichtete sie gestern im Amtsgericht Tiergarten von ihrem Alltag mit nur noch einem Bein, einem funktionierenden Arm, einem sehenden Auge, einem hörenden Ohr. Sie war auch deshalb ein untypisches Opfer, weil sie als ehrenamtliche Tourenleiterin beim ADFC ganz genau wusste, wie gefährlich sie als Radfahrerin an einer typischen Berliner Kreuzung mit gleichzeitigem Grün für Abbieger und Geradeausverkehr lebt. Als sie im Herbst 2018 nach knapp einem Jahr aus dem Krankenhaus entlassen wurde, ging sie in die Öffentlichkeit. Sie war nicht gewillt, den Rest ihres Lebens hinter den geschlossenen Türen eines Pflegeheims zu verbringen. Und doch verfluchte sie jeden Tag – so wie sie den Fahrer des Kieslasters verfluchte, der ihr alles genommen hatte, wofür sie lebte.
Inzwischen hat es Beate Flanz bis nach Italien geschafft: mit einem Dreirad und mit Menschen, die ihr bei den einfachsten Handgriffen halfen. Aber mit eigener, kaum glaublicher Kraft. Mit derselben Kraft hat sie gestern vor Gericht ihr Leben geschildert. Ihr Leben, in dem sie zu Lebenslang verurteilt worden ist. Das Gericht hat den Lkw-Fahrer zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt. Eine Geldstrafe allein sei einer solchen Katastrophe nicht angemessen, befand die Richterin. Damit ist nichts wieder gut, aber es ist ein Signal. Es ist die Botschaft, dass es nicht mit dem Ausfüllen eines Überweisungsformulars erledigt ist, wenn man als stärkster Teilnehmer im Straßenverkehr einen Menschen getötet oder schwer verletzt hat.
Wo mehr Radverkehr ist, leben Radfahrer erwiesenermaßen sicherer. Und wo mehrere gemeinsam radeln, haben sie auch noch mehr Spaß. Deshalb startet morgen, am 1. September, unsere Checkpoint-Radtour: In zwei Gruppen mit unterschiedlichem Tempo geht’s vom Brandenburger Tor aus um die Havel nach Neu-Fahrland und über Potsdam zurück nach Berlin (wahlweise 50 oder 75 km). Außerdem haben wir noch einen kleinen Kulturstopp in petto. Mehr Infos folgen bei Anmeldung bis 12 Uhr unter checkpoin@tagesspiegel.de.
Telegramm
Mit freundlicher Unterstützung von SPD und Grünen hat die Bauverwaltung von Katrin Lompscher (Linke) den Mietendeckel passend für die Koalition gemacht. Dazu wurden die Obergrenzen auf maximal 9,80 Euro pro qm erhöht, pauschale Mietsenkungen für bestehende Verträge verworfen und Luxuszuschläge ermöglicht. Gekappt werden soll die Miete nur bei Haushalten, die mehr als 30 Prozent ihres Nettoeinkommens fürs Wohnen ausgeben müssen. Damit Vermieter nicht draufzahlen müssen, soll es eine Art Wohngeld geben. Aus Sicht von R2G ist der bissige Mietendeckel damit zum stubenreinen Mietendackel geworden. Die IHK hält ihn weiter für ein gefährliches „Bürokratiemonster“.
Der Fahrermangel bei der BVG ist so dramatisch, dass die U-Bahnen künftig selbst fahren sollen. Bis es soweit ist, dauert es aber noch lange: Selbst wenn die U5 und U8 ab 2025 mit der notwendigen Technik ausgerüstet sein sollten, bleibt Fahrpersonal zunächst „als Rückfallebene für die Türkontrolle und den Fahrauftragt weiterhin erhalten“, schreibt die Verkehrsverwaltung auf Anfrage von Henner Schmidt (FDP), wie mein Kollege Jörn Hasselmann heute im Tagesspiegel berichtet.
Der Aufzug am S-Bahnhof Köpenick ist wegen seiner chronischen Gebrechen ein Running Gag (bzw. das Gegenteil davon, weil weder running noch witzig) im Bezirksnewsletter meines Kollegen Thomas Loy. Gerade war er wieder kaputt, wurde aber in der App als funktionierend gemeldet. Während also CP-Leser Olaf J. mit seinem Rollstuhl auf den nächsten Zug zu einem für ihn hoffentlich benutzbaren Ausweichbahnhof wartete, rief er die sog. 3S-Zentrale an („Service, Sicherheit, Sauberkeit“), um die Störung zu melden. „Wissen wir schon“, hieß es da. Aha, könnten Sie es dann vielleicht online… – „Nee, wir sind ja nich dit Internet!“ Dann muss man sich aber auch nicht so benehmen.
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Das Konzerthausorchester Berlin und (sein Erster Gastdirigent) Juraj Valčuha spielen am 06. und 07.09. Arthur Honeggers „Pacific 231“ zum gleichnamigen Kurzfilm von 1949. Ebenfalls auf dem Programm: Claude Debussys „La mer“ und Bela Bartóks erstes Violinkonzert. Wir verlosen hier 1x2 Tickets für das Konzert am 07.09.!
Buchstäblich schmoren mussten Fahrgäste in einem Auto des Sonderfahrdienstes für Menschen mit Behinderung nach einem Unfall in der größten Hitze, weil das Fahrerteam erst die Zentrale nicht informiert hat und dann kein Ersatzfahrzeug verfügbar war. Laut Sozialverwaltung (auf Anfrage von Thomas Seerig, FDP) war es der erste Fall dieser Art – und soll der einzige bleiben. Dass Menschen wegen angeblich nicht bezahlter Rechnungen vom Fahrdienst ausgeschlossen werden, obwohl in Wahrheit Kommunikationsprobleme zwischen LaGeSo und Betreiber dahinter stecken, weist die Verwaltung zurück. Im Übrigen sei ein vorgelegter Überweisungsbeleg nicht zu verwechseln mit einer Gutschrift auf dem Empfängerkonto.
Allmorgendlich pflegt die die AfD-Fraktion per Mail an die Redaktionen „einen kurzen Ausblick auf eine Auswahl aktueller Social Media-Themen“ zu geben. Darunter folgen zwei-drei Links zur, nun ja, Systempresse und versierte Analysen wie „Establishment zeigt antidemokratische Fratze“ / „Wie zu SED-Zeiten“ / „Wenn Ideologie Hirn verdrängt“ (alle Beispiele aus dieser Woche). Gestern folgte noch eine Extra-Mail, nachdem der Xberger Baustadtrat die Karstadt-Eigentümer mit ihrem Golden-Twenties-Revival-Konzept für den Hermannplatz verbellt hatte: „Florian Schmidt passt nicht ins Gefüge einer Weltstadt.“ Da wäre er dann allerdings nicht der Einzige.
2007 hatte Berlin eine „Lex Tegel“ in die Novelle des Fluglärmgesetzes schreiben lassen, um Baubeschränkungen und teuren Schallschutz um den Flughafen zu vermeiden. Schließlich wurde ja 2011 der Großflughafen ... – ups! Nun ist die Zeit einschließlich aller Puffer wie im Flug vergangen und TXL immer noch in Betrieb. Die beteiligten Verwaltungen haben deshalb kürzlich über mögliche Schlupflöcher im Fluglärmgesetz beraten, damit auf den letzten Metern von Tegel nicht noch Wohnungsbauprojekte scheitern. Ein Manöver, bei dem eine Bruchlandung nicht ausgeschlossen ist.
Ein Wort zum Samstag: Kleinere Brötchen zu backen, mag in Ordnung gehen. Aber gar keine mehr wäre schlecht. Insbesondere, wenn es sich um eine der traditionsreichsten Bäckereien der Stadt handelt – der Bäckerei Zimmermann –, die einfach keine Mitarbeiter findet – trotz ordentlicher Bezahlung und Offenheit auch für Quereinsteiger, wie mein Kollege Cay Dobberke in seinem Bezirksnewsletter aus Charlottenburg berichtet. Beim Thema Fachkräftemangel sitzen alle Handwerksbranchen an einem Brot.
In dieser Stadt lebt so mancher auf großem Fuß. Aber niemand hat so große Füße wie Lars Motza. Der 16-Jährige aus Berlin-Hermsdorf geht in Schuhgröße 57 durch die Welt. Das hat ihm jetzt einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde beschert. Motza habe die größten Füße eines männlichen Teenagers weltweit, schreiben die Rekordsammler.
In Moabit, Wedding, Gesundbrunnen und dem Hansaviertel soll laut einem BVV-Beschluss das Parken bald nicht mehr gratis sein, berichtet der RBB. CP-Prognose: Die zweite Reihe bleibt überwiegend kostenfrei.
Nachdem Robert Ide hier gestern E-Poller gefordert hat, gab es Hinweise aus der Leserschaft, dass es ebensolche anderswo längst gibt. Wenn ich mich recht erinnere, stand auch in Alt-Köpenick mal in der Fußgängerzone einer, den die Busfahrer versenken konnten. Offenbar war der aber öfter kaputt, als die Pollizei erlaubt, denn inzwischen fahren die Busse außen herum über die Straßenbahngleise.
Und hier die Zahlen von Forsa am Samstag (via Berliner Zeitung): Grüne 24 (-1), Linke 17 (-1), SPD 16 (+/-0), CDU 16 (-1), AfD 11 (+1), FDP 6 (+1), sonstige 10 (+1) Prozent – wenn am Sonntag das Abgeordnetenhaus neu gewählt würde. Die Differenzen beziehen sich jeweils auf den Vormonat.
Ach ja, am morgigen Wahlsonntag werden wir beim Tagesspiegel natürlich auf allen Kanälen nach den Rechten sehen – und nach allen anderen selbstverständlich auch. Da wir das für Sie machen, freuen wir uns, wenn Sie mal vorbeischauen auf www.tagesspiegel.de.
Durchgecheckt
Jörg Riemann ist meteorologischer Leiter des Dienstes "Wettermanufaktur", der beispielsweise Flughäfen, Baufirmen und Landwirte mit Daten und Analysen versorgt.
An diesem Wochenende endet der meteorologische Sommer. Wie war er im Vergleich zum vergangenen, der ja sämtliche Hitze- und Dürre-Rekorde aus fast 130 Jahren Wetteraufzeichnungen gesprengt hat?
Deutschlandweit war es nur der drittheißeste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen, aber in Berlin und Potsdam der heißeste. Nachdem im vergangenen Jahr der berühmte Jahrhundertsommer von 2003 um ein halbes Grad übertroffen wurde, kommen 2019 noch mal 0,4 Grad obendrauf. Nehmen wir beispielsweise die Hitzetage mit mindestens 30 Grad: Von denen gibt es laut der bis 1893 zurückreichenden Potsdamer Wettermessreihe acht pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 25, in diesem 26 solcher Tage. Dazu kommen die Tropennächte, in denen es nicht unter 20 Grad abkühlt. Seit 1893 hatten wir im Mittel alle zwei Jahre eine solche Nacht. In diesem Jahr waren es vier. Der wesentliche Unterschied zu 2018 ist, dass im vergangenen Jahr der Sommer mit Trockenheit und Wärme praktisch von April bis November gedauert hat.
Zur Hitze kommt die extreme Dürre, die nur durch lokale Gewitter gelindert wurde. Waldbesitzer und Forstwirte beklagen Milliardenschäden, die Stadtspree wird fast nur noch aus Klärwerksableitern gespeist, und den Seen im Umland fehlt teilweise ein Meter Wasser. Was ist da los?
Mit 355 Litern Niederschlag pro Quadratmeter seit Jahresbeginn hat die Messstation in Potsdam zwar schon so viel registriert wie 2018 im gesamten Jahr. Aber die Statistik sieht viel besser aus als die Realität, weil beispielsweise bei einem Unwetter im Juni dort 78 Liter herunterkamen, während es anderswo trocken blieb. Vor allem der Berliner Südosten hat in diesem Sommer sehr wenig abbekommen, das Defizit wird immer größer. Was den Wald betrifft, sind die nach wie vor dominanten Kiefern auch einfach die falsche Baumart. Sie ziehen das ganze Jahr über Wasser aus dem Boden, und als Monokultur sind sie dem Borkenkäfer ausgeliefert. In Mischwäldern, in denen eine Kiefer zwischen zehn Laubbäumen steht, wäre das völlig anders.
Häufen sich gerade die Zufälle, oder ist unser Wetter völlig aus den Fugen geraten?
Es fällt auf, dass die trockene subtropische Zone sich nordwärts ausdehnt, wir also meteorologisch immer weiter in Richtung Mittelmeer rutschen. Die Tiefs vom Atlantik kamen mit ihrem Regen früher etwa bis zum Baltikum und nach Russland. In letzter Zeit schaffen sie es gerade noch bis nach Großbritannien, zumindest im Sommer, weil die Temperaturgegensätze zwischen Arktis und Subtropen sich verringert haben. Das schwächt die Tiefs ab.
Also ist das Extremwetter die neue Norm?
Mit Weltuntergangsszenarien würde ich mich zurückhalten, denn für die jeweilige Wetterlage ist das Wetter durchaus normal. Was nicht normal ist, ist die Verteilung der Wetterlagen, also der immer größere Anteil des Kontinentalklimas mit trockenem Ostwind. Eine Rückkehr zum früheren Normalzustand mit dem mäßigenden Einfluss des Atlantiks sehe ich vorerst nicht. Aber ich hoffe, dass ich mich in diesem Punkt irre.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Zum achtzigsten Mal jährt sich diesen Sonntag der Angriff des Kriegsschiffs „Schleswig-Holstein“ auf Danzig und damit der Überfall auf Polen. Morgen eröffnet eine Online-Ausstellung zum Thema im Zeughauskino am Deutschen Historischen Museum (16 Uhr, Unter den Linden 2). Unter den Vortragenden wird Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau sein sowie der Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften Igor Kąkolewski. Zum letzten Mal dagegen ist heute die seit 2006 laufende Dauerausstellung „Die Wannsee-Konferenz und der Völkermord an den europäischen Juden“ im Haus der Wannsee-Konferenz zu sehen. Mit stündlichen Führungen in wechselnden Sprachen ab 11 Uhr. Willkommen zum (hiermit ausgerufenen) Wochenende der Erinnerungskultur.
Samstagmittag – Während sich vor den Türen der Hermannstraße 208, der Adresse der Gülom Bäckerei, der Lebenshilfe GmbH und des Neuköllner Büros der Stadt & Land GmbH die Fuckparade gegen Nazis, Gentrifizierung und Kommerzialisierung versammelt, steigt gleichzeitig im Hof der KW (Auguststraße 69) Pansy’s Tea Party (Eintritt 10/8 Euro) gegen das Patriarchat, „suprematistisch kapitalistische Denkweisen und Kontrollmechanismen“ mit kontextadäquaten künstlerischen Beiträgen. Und Tee, versteht sich. Dem großen Dagegen entgegnet die Staatsoper das Eröffnungsfest anlässlich der beginnenden Spielzeit. Dazu werden Bereiche des Baus erstmals seit der Grundsanierung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, Einblick in die Arbeit der Intendanz gewährt, hinter die Kulissen des Bühnenbilds geschaut und in die Proben des Opernchors hineingehorcht, womöglich sogar mitgesungen. Der Eintritt ist frei. Alles das (Fuckparade, KW, Staatsoper) um 14 Uhr.
Samstagabend – Schaut man nur genau genug in die Musikgeschichte, entdeckt man allenthalben Weichenstellungen, denen die Geschichte hätte folgen können, es aber nicht hat. Ein gutes Beispiel ist Cellistin und Komponistin Frances-Marie Uitti, die seit den 80ern an allen wesentlichen Schnittstellen der zeitgenössischen Musik zugegen ist, als Giacinto Scelsis Improvisationspartnerin in seinem Studio ein und aus ging, aber auch mit Cage, Xenakis und anderen Komponistinnen zusammengearbeitet hat, die wiederum ihr und ihrer speziellen Spieltechnik zahlreiche Stücke gewidmet haben. Dennoch wird ihre erweiterte Technik, zwei von der rechten Hand zugleich geführte Streichbögen, wohl kaum in absehbarer Zeit an den Hochschulen gelehrt werden. Wer also die seltene Gelegenheit wahrnehmen möchte, einer virtuosen aber zugleich wunderbar kuriosen Randnotiz der Musikgeschichte zu begegnen, deren Echo man noch in Jahrhunderten lesen und hören wird, tue dies heute um 21 Uhr – dann wird Uitti nämlich im Rahmen der Langen Nacht der Museen im Kunsthaus Dahlem zu hören sein. 18/12 Euro. Hier entlang zum Restprogramm.
Sonntagmorgen – „Bring your Hangover“ steht in der Ankündigung... Bringen Sie also auch Ihren Kater mit zum Sonntagsbrunch ins Lode & Stijn (Lausitzer Straße 35). Um 11 Uhr und für 35 Euro gibt es ein Glas Wasser, aber nicht nur das: Gastküchenchef Jan Wickert tischt zusammen mit einer der besten Feinbäckerinnen der Stadt, Stefanie Pfeil, auf, und so gibt es für Freunde, Familie und eben auch mitgebrachte Kater „Hefeplinse“, Meerrettichbrioche, Teigtaschen und mehr. Wen auswärtiges Frühstücken nur peripher tangiert, erwärmt sich womöglich eher für auswärtige Politik. Im mp43 – Projektraum für das Periphere, setzen sich 16 namibische Künstlerinnen kritisch mit Namibia auseinander, 29 Jahre nach seiner Unabhängigkeit von zunächst deutscher, dann südafrikanischer Herrschaft. Und zwar im Medium Plakatkunst. Die 12 Stunden dauernde Ausstellung „Politische Plakate aus Namibia“ öffnet um 9 Uhr in der Stollbergerstraße 73, hier das Programm.
Sonntagmittag – Willkommen übrigens auch im Monat der zeitgenössischen Musik, unter dessen Dach die Initiative Neue Musik in Kooperation mit Häusern, Ensembles und Solokünstlern 147 Konzerte an 65 Spielstätten im September zusammenfasst. Gut, dass man sich angesichts der überwältigenden Zahl beim Einstieg vom Trio Catch an die Hand nehmen lassen kann. Oder auch auf die Couch setzen, denn beim Gesprächskonzert geht es um Ricardo Eizirks „Obsessive Compulsive Music“. Das Stück setzt sich mit dem Zwanghaften, Manischen und Manierlichen des Musikmachens auseinander – immer wieder dieselben Übungen bis zur Perfektion, immer wieder dieselben Stücke im immergleichen Ausdruck. Und weil der Stoff wie geschaffen ist, um im Gespräch bewältigt zu werden, findet dieses um 15 Uhr im Radialsystem (Holzmarktstraße 33) statt. Der tiefere Einstieg ins eigentliche Programm sollte anschließend wesentlich leichter fallen.
Sonntagabend – Auch der ritualhaften Wiederholung von Ereignissen, die der Geschichte ihren Platz im Zeitgenössischen sichert, lässt sich etwas Manisches unterstellen. Wie Orgelmusik an Sonntagen. Die, die heute erklingt, ist zudem selbst voller Wiederholungen. Die sind in vielen Kompositionen der Wahlstockholmerin Kali Malone nämlich formbildendes Element, wie eine ritualistische Anbetung, teilweise mit elaboriertem Kontrapunkt und Anleihen bei Arvo Pärt. Und obwohl sogar die Titel ihrer Orgelkompositionen eine sakrale Komponente nahelegen, wirkt alles am Ende ganz anders. Denn im Kontext des Atonal-Festivals erklingt unmittelbar vor Malone der berghainerprobte Techno der französischen Wahlberlinerin rRoxymore, gleich im Anschluss dann das dunkle, retrofuturistische dark-wave-post-punk-Set der dänischen New Yorkerin Soho Rezanejad.
Mein Wochenende mit
Nidal Bulbul ist, entgegen anderslautenden Meldungen, nicht der erste, der in Gaza einen Facebook-Account hatte. Aber er sei schon früh dran gewesen, sagt er. Früher Kriegsreporter, verließ er vor zehn Jahren angeschossen Gaza, um als Journalist zu arbeiten, betrieb dann ein Café in Kreuzberg. Kommenden Samstag eröffnet er in den Räumen des berühmten Farbfernsehers in der Skalitzer Straße 114 das Bulbul Berlin.
„Das letzte Wochenende vor Eröffnung des Bulbul ist für uns, also das ganze Team, voll mit Vorbereitungen. Wir machen am Samstag eine Generalprobe, das heißt, wir laden Nachbarn, Freunde, Musiker und alle Mitarbeiter ein, mit uns in geschlossener Runde zu feiern. Und bei der Gelegenheit überprüfen wir unsere Arbeitsabläufe, schauen, wo es eventuell haken könnte und holen so viel kritisches Feedback, wie irgend möglich von unseren Gästen ein, um schon mal die gröbsten Problemquellen auszuschließen. Die Arbeitsabläufe am Tresen müssen laufen, die Musikanlage braucht einen Soundcheck, Schichtenplan und Aufgabenverteilung müssen funktionieren. Wir starten zwar alle mit Erfahrung in dem Bereich, sind aber natürlich trotzdem ein neues Team in einer neuen Umgebung, das sich erst einspielen muss. Bei aller Arbeit, die das jetzt bedeutet, bin ich aber zuversichtlich und vorfreudig, dass alles gut klappt. Das ist mir auch wichtig, weil es nicht irgendeine Location ist. Wir haben eine emotionale Verbindung zum alten Farbfernseher. Clubsterben und die voranschreitende Verdrängung von Subkultur geht hier alle an. Unser Ziel ist es deshalb, den Laden weiterzubetreiben, aber ohne ihn exakt zu kopieren. Das ginge sowieso nicht. Aber es soll kein schickes Glanzlokal werden, das in der Kreuzberger Nachbarschaft nur Fremdkörper wäre, sondern ein Zufluchtsort, eine Bühne für DJ-Newcomer*innen aus aller Welt. Schön war, dass der Betreiber des alten Farbfernsehers, der hier vor Jahrzehnten tatsächlich noch Farbfernseher verkaufte, sich bei uns gemeldet und uns willkommen geheißen hat. Davon möchten wir etwas weitergeben.“
Leseempfehlungen
Einiges in Berlin dreht sich um das geschichtsträchtige Datum 1. September und den Überfall auf Polen. In der Volksbühne heißt es „Der Krieg hat angefangen“, dabei liest das Ensemble aus den Tagebüchern Victor Klemperers und den Briefen Heinrich Bölls – obwohl es, zugegeben, eher eine Zuhör- als Leseempfehlung ist. Ebenso bei „Denk mal an Polen!“, so der Titel des Abendprogramms im Literaturhaus. Die Autorin Emilia Smechowski, Jahrgang 1983, kam 1988 nach Westberlin. Ihr neues Buch „Rückkehr nach Polen“ setzt sich mit den Schwierigkeiten einer Rückkehr vor dem Hintergrund des andauernden rechtskonservativen Rucks und anstehender Parlamentswahlen im Oktober auseinander. In seinem Essay „Eure Freiheit, unsere Freiheit“ vermutet Stephan Wackwitz (*1952), dass es seine Generation bis heute nicht geschafft hat, Länder wie Polen als „eigenständige, gleichberechtigte und politisch handlungsfähige“ wahrzunehmen. Beide Texte werden im Literaturhaus umfassend vorgestellt, daneben aus der gerade erschienenen Neuübersetzung von Miron Białoszewskis „Erinnerungen aus dem Warschauer Aufstand“ vorgetragen. Zur weiteren Recherche sei noch das Lexikon „Polnische Spuren in Deutschland“ empfohlen, das aus vielen kurzen Artikeln eine Vorstellung von der Fülle der Verflechtungen beider Länder vermittelt. Auch ist übrigens der Club der Polnischen Versager unlängst in Buchform erschienen und wer meint, dass aus dem konservativen Polen schon lange nichts Neues mehr komme, lasse sich in dem Band „Positionen 4 – Zeitgenössische Künstler aus Polen“ eines Besseren belehren.
Wochenrätsel
Die Meldung der Woche: „Dauerbaustelle am Berliner Flughafen beendet“ - wie ging die Nachricht weiter?
a) Tegel deblockiert etliche defekte Gepäckförderanlagen
b) Die neuen Toiletten auf dem Tempelhofer Feld sind endlich fertiggestellt
c) Eine vorzeitige Eröffnung des BER wird immer realistischer
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Jetzt mitmachenEncore
Facebook unterbreitet seinen Usern Vorschläge, das gehört quasi zum Service-Paket des Netzwerkdienstes. Seine Algorithmen werten unser Klickverhalten aus und empfehlen uns Veranstaltungen. Seit etwa einer Woche schlägt mir der Dienst immer wieder vor, ich solle am Blockkurs 3, Chirurgie Abdomen (nicht klicken, wenn man empfindlich auf Bilder von OPs reagiert) teilnehmen. Ich könne auch Freunde einladen, mit mir mitzukommen. Wir würden endlich lernen, Inguinalhernien, Skrotalhernien, Femoralhernien und Perinealhernien zu erkennen, Pylorustechniken anzuwenden (man weiß ja nie!) und eine Leberbiopsie durchzuführen. Oder auch eine partielle Leberlappenresektion. Großartig! Wir gehen natürlich alle hin. Und bringen auch gerne gute Laune mit und vielleicht ein Sixpack. Oder auch nicht. Man muss schon genau hinschauen um den Hinweis zu entdecken, denn er steht nicht im Textteil. Am Rande des OP-Bildes ist zu lesen: „Seminare für Tierärzte“. Dort liest das nicht einmal Facebook aus, und empfiehlt das Event daher automatisch der breiten Öffentlichkeit unter dem Motto Gesundheit. Liebes Team der Berliner Fortbildungen, wenn ihr eure Veranstaltungen so missverständlich ausschreibt, solltet ihr euch nicht wundern, falls wirklich mal Hobbyisten mit zweifelhafter Motivation anklopfen, um auch mal Doktor zu spielen. Besten Dank auch für die Einladung, aber ich habe für dieses Wochenende schon andere Pläne.
Wir wünschen Ihnen ein in jedem Sinne gesundes Wochenende, bis zum nächsten Mal.
