Durchgecheckt

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Gollaleh Ahmadi, 37, ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Spandau.

Frau Ahmadi, Sie werden regelmäßig Opfer von Hasskommentaren, Gewaltandrohungen, Rassismus und Sexismus. Machen Ihnen die Anfeindungen Angst?

Ja. Nicht immer, aber es gibt solche Momente. Wenn ich lese, es sind Personen aus Berlin, die schreiben, sie wissen, welche Wege ich gehe, wo ich mich befinde, dann habe ich Angst. Dann fühle ich mich auf der Straße unsicher.

Wann hat das angefangen und was war das schlimmste Erlebnis für Sie?

Richtig los mit verbaler Gewalt ging es, als ich einen Artikel über meine Abtreibung im Online-Magazin Edition F veröffentlicht habe, im April 2018. Da gab es Sexismus, Rassismus, Drohungen. Wirklich, wirklich schlimme Kommentare, bei denen ich zusammengezuckt bin und nicht mehr weiterlesen konnte, kamen dann im September 2019, als ich getwittert habe, ob es denn nicht eigentlich „Bürger*innenmeister“ heißen müsste. Das wurde unter anderem von der AfD verbreitet, Compact und Junge Freiheit haben darüber geschrieben. Und Ende November hat bei der Eröffnung des Spandauer Weihnachtsmarkts ein Künstler gesungen, der mitten in seinem Auftritt gesagt hat: Es gibt zwei Dinge, die furchtbar sind. Erstens: kalter Glühwein, und zweitens: unwillige Frauen. Daraufhin habe ich ein Pressestatement geschrieben und eine Stellungnahme von allen Verantwortlichen verlangt. Der Künstler hat seine Fans daraufhin auf Facebook aufgefordert, darauf zu reagieren. Ich habe dann einen Brief bekommen, 14 Seiten lang. Darin standen Sachen wie: Noch heute werden Hexen nackt auf Marktplätzen verbrannt. Der Absender schrieb, er habe sich meine Bilder angeschaut und mich recherchiert und er wisse genau, was jeder Mann denkt, wenn er mich anschaut. Er müsse sich ja schon benehmen, um mich nicht zu bespringen und das würde anderen Männern auch so gehen, was er verstehen würde. Noch mehr solcher Statements von mir und noch mehr Öffentlichkeit könnten mir gefährlich werden.

Haben Sie Anzeige erstattet?

Nein, weil ich dachte, dass es nichts bringen würde. Und weil ich dachte, es gibt Menschen, die tatsächlich Morddrohungen bekommen. Bei mir spielt sich immerhin noch alles online ab, ist alles verbale Gewalt.

Hat der Mord an Walter Lübcke für Sie etwas verändert?

Ich habe tatsächlich in dem Moment darüber nachgedacht, dass der Hass im Netz jetzt in der Realität, also in der analogen Welt angekommen ist. Da habe ich schon überlegt: Wie sicher bin ich? Ich habe aber gedacht, so wichtig bin ich als Lokalpolitikerin nicht, so präsent bin ich nicht, da gibt es andere, auch bei meinen grünen Kolleginnen und Kollegen auf Landesebene, die ständig Morddrohungen bekommen.

Haben die Drohungen Auswirkungen auf Ihr Privatleben und das Ihrer Familie?

Ich gehe vorsichtiger durch die Straßen. Alleine schon wegen dieses Briefs aus dem Dezember. Mein Privatleben hat sich bisher weniger verändert. Ich habe Zuhause immer kommuniziert: Es könnte kommen, sie könnten herausfinden, wo wir wohnen. Da müssen wir dann gemeinsam durch, das betrifft nicht nur mich allein. Mein Partner hat gesagt: „Wozu haben wir denn die Polizei? Mach dir keine Sorgen, das stehen wir dann gemeinsam durch.“ Erschreckend finde ich jedoch, dass einige im politischen Bereich sagen: Das gehört zur Politik dazu. Wenn du damit nicht umgehen kannst, bist du in der Politik vielleicht doch nicht gut aufgehoben.

Der Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Estorf, Arnd Focke, ist gerade wegen massiver rechter Drohungen zurückgetreten, auch um sein Umfeld zu schützen. Können Sie das verstehen?

Ich kann das verstehen. Ich kann das sogar sehr gut verstehen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass Focke so viel Solidarität erfahren hätte, dass er diesen Schritt nicht hätte gehen müssen. Ich selbst habe immer gedacht, ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Ich merke aber, wie ich bei jedem Tweet, bei jedem Facebook-Post dreimal überlege: Ist das jetzt notwendig? Muss ich mich dem aussetzen? Das ist eine Art Selbstzensur. Ich überlege dann, ob ich meine Kräfte nicht sparen sollte. Und ich sehe, dass immer mehr Frauen, auch Lokalpolitikerinnen, sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, weil sie sich nicht ständig Anfeindungen aussetzen wollen.

Waren Sie selber schon mal in der Situation, einen Rückzug aus der Politik zu erwägen, aufgrund des Hasses, der Ihnen entgegenschlägt?

Das nicht, nein. Wenn dieser Moment des Schrecks abklingt, denke ich immer: Mach weiter, jetzt erst recht. Wenn du das nicht machst, dann gewinnen sie.

Wenn Sie die Hetze, die Sie betrifft, mit der vergleichen, die Ihre männlichen Kollegen erreicht, was für Unterschiede fallen Ihnen da auf?

Ich erlebe sexualisierte Gewalt, gepaart mit Rassismus. Ich habe auch männliche Kollegen, die Rassismus erfahren. Aber bei Frauen kommt dazu eben noch der Sexismus und die sexualisierte Gewalt. Es gab mal einen Kommentar unter einem Artikel der Jungen Freiheit zu meinem Bürger*innenmeister-Tweet. Da hat jemand geschrieben, dass er gerne sehen würde, wie ein Kamel mich vergewaltigt.

Was würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass Betroffene mehr darüber sprechen. Und dass die Mehrheit, die keine Hetze verbreitet, nicht dazu schweigt. Mir haben die Kommentare derer, die mir ihre Solidarität ausgesprochen haben, die gesagt haben: „Halte durch, wir sind mehr“, sehr geholfen. Das hätten mehr sein können. Einige, von denen ich es erwartet hätte, haben gesagt: „Was soll ich dazu sagen, da können doch keine Worte trösten.“ Doch, können sie. Die Botschaft „Ich bin da und an deiner Seite“ – die hilft enorm.