Durchgecheckt
„11Freunde“-Chefredakteur Philipp Köster im Berlin-Derby-Gespräch mit Lorenz Maroldt.
Philipp, ein Tagesspiegel-Kollege (Name wird nicht genannt) berichtet, dass du eine Hertha-Dauerkarte hattest (Block wird nicht genannt). Gib’s zu, Hertha ist deine heimliche Liebe!
Ich hatte zwei Jahre lang eine Dauerkarte für den Oberrang der Ostkurve, als Begleitung meines damals achtjährigen Sohnes Leo. War ganz schön schwierig, bei Hertha-Toren nicht spontan mitzujubeln. Ich mag die Hertha, trotzdem schlägt mein Herz nur für Arminia Bielefeld. Funfact: Der erwähnte Tagesspiegel-Kollege hat selbst eine Hertha-Dauerkarte. Mehr soll aber nicht gesagt werden, sonst wäre André Görke allzu leicht zu identifizieren.
Schwarzmarktpreis 1000 Euro für den Steher – ist es das wert?
Nie im Leben. Und ich finde, jeder, der solche Preise für stinknormale Tickets aufruft, soll in der Fußballhölle schmoren. Und ganz ehrlich, jeder, der solche Karten kauft, auch. Sowas versaut die Preise.
Was war der höchste Preis, den du je für eine Karte bezahlt hast?
Beinahe hätte ich mal 5000 Francs fürs Achtelfinale Brasilien-Chile bei der WM in Frankreich bezahlt. Ich war mit 11Freunde-Mitgründer Reinaldo Coddou unterwegs, der die Pariser Straßenhändler abklapperte und irgendwann mit diesem Angebot zurückkam. Wir haben dann aber verzichtet. So bleibt meine teuerste Karte eine fürs Champions-League-Finale Real gegen Atletico in Mailand, Kostenpunkt: 250 Euro.
Was würde Kolumnist „Günter Hetzer“ in 11Freunde sagen: Hat dieses Derby Glamour und – wenn nicht, was dann?
Die Hetzer-Clique, also Waldi, Delle und Onkel Günter, hätte das Berliner Derby nicht einmal ignoriert. Es fehlt schließlich alles, was eine gute Sause ausmacht. Philipp Lahm mit einem frischen Jever Fun in der Hand, kolumbianisches Marschierpulver auf der Doppelnull und anschließendes Nacktrodeln mit Franz beim Stanglwirt.
Vorsicht, Klischee: Hertha ist piefiges West-Berlin, Union ist wilder Szeneklub ohne Millionäre – Märchenstunde, oder?
Wer diesen Klischees glaubt, schaut vor dem Spiel auch noch bei „Holst am Zoo“ vorbei und wundert sich während des Spiels, dass Torsten Mattuschka bei Union nicht mehr die Freistöße schießt. Nein, diese Stereotype sind genauso albern wie das Gerede von Union als Arbeiterklub. Man kann nämlich davon ausgehen, dass die Köpenicker Spieler nach dem Derby nicht direkt zurück an die Werkbänke der klubeigenen Schlosserei müssen. Und in den VIP-Räumen der Alten Försterei drängelt sich genauso viel Angebermittelstand wie bei der Hertha.
Millionenregen über Hertha – machen die Charlottenburger bald ganz Europa nass?
Dass Investor Windhorst angesichts der alten Dame Hertha euphorisch von „low hanging fruits“ sprach, schrammte ja schon hart am Sexismus vorbei. Ansonsten sollte vielleicht jemand den Kollegen Windhorst aufklären, dass 200 Millionen Euro kein Betrag ist, der den Scheichs und Oligarchen der internationalen Fußballwelt den Angstschweiß auf die Stirn treibt.
Ist einer der beiden Klubs einer für „ganz Berlin“?
Nein, ganz im Gegenteil. Berlin könnten noch viel mehr Klubs in höheren Ligen vertragen. Ich freu mich auf Tennis Borussia in der zweiten Liga, mit Ansgar Brinkmann als Spielertrainer. Und auf den BFC Dynamo. Und auf Blau-Weiß 90, schon damit Bernhard Brink mal wieder in weißer Segeltuchhose und frisch gedrehtem Minipli im Sportstudio schmettern kann: „Wir sind heiß auf Blau-Weiss“.
Ein Rat für Naive am Montag im Büro: Kluge Sprüche machen, wenn der Lieblingsklub des Kollegen verloren hat?
Im Büro hämische Sprüche zu kloppen, bloß weil es am Wochenende gut gelaufen ist, hat keinen Stil. Das kann man auch deutlich dezenter machen, zum Beispiel, indem man auf seinem Rechner brechend laut die Vereinshymne abspielt. Oder indem man freundlich beim Kollegen nachfragt, wie denn so sein Wochenende war.