Durchgecheckt
Katleen Kirsch, Cheftresenfau in der legendären Charlottenburger Kiezkneipe „Zum Hecht“ (Foto: privat)
Wie fühlt es sich an, wenn ein 24-Stunden-Dauerbetrieb plötzlich stillsteht? Darum geht's in der zweiten Folge unseres Checkpoint-Podcasts „Eine Runde Berlin“. Auszüge aus dem Gespräch, das meine Kollegin Ann-Kathrin Hipp geführt hat, lesen Sie heute hier. Weil gemeinsam Bahnfahren gerade nicht so gut geht, hat sie sich mit Cheftresenfrau Katleen Kirsch im geschlossenen "Hecht" getroffen – natürlich mit Abstand. Nachzuhören, gibt's die ganze Folge auf Tagesspiegel.de, Spotify und Apple Podcasts.
Frau Kirsch, sagt man du oder Sie?
Wir sind hier in einer Kneipe, natürlich du. Hier wird nicht gesiezt. Wir kennen auch keine Nachnamen.
Wie geht es dir?
Ich bin gesund. Das ist das Wichtigste. Aber die Langeweile ist schlimm. Man staunt ja doch, wie man an seiner Arbeit hängt. Sonst hätte man gern mal eine Woche frei gehabt. Aber so frei möchte man dann doch nicht haben.
Wie hast du den Moment erlebt, als ihr schließen musstet?
Um 21 Uhr kam das Ordnungsamt und hat gesagt, dass wir sofort alle rausbekommen müssen. Wir mussten unseren Gästen dann wirklich den Hocker vom Hintern wegziehen. Für viele ist das hier eine zweite Heimat. Wir haben dann angefangen, zu putzen und den Müll rauszubringen. Man musste ja vieles erstmal überlegen. Was macht man jetzt überhaupt? Wir haben zwei Stunden gebraucht, um den Laden zuzumachen.
Wann er wieder aufmacht, ist erstmal ungewiss.
Ich finde, das ist das Schlimmste. Wenn man ein Datum hätte, wäre das okay. Dann könnte man zwei Wochen vielleicht sogar genießen. Aber ich glaube, keiner von uns genießt das. Das ist Stress pur.
Seit 1974 gibt’s den „Hecht“. Damals lag er noch mitten im Rotlichtmilieu.
Ich kannte die Ecke nur, weil von hier die Regionalbahn ins Umland gefahren ist. Aber niemals, nie wäre ich in den Hecht gegangen. Ich bin ein paarmal vorbeigelaufen, wenn irgendwelche Besoffenen rausgestolpert sind. Man hat dann seine Handtasche unter den Arm gedrückt und ist schnell vorbei. Erzählt wird ja, dass im Hecht einige auch mal vergessen haben, auf die Toilette zu gehen und dass das dann irgendwie am Tresen lief. Ob das nun wirklich so schlimm war, weiß ich nicht. Aber hier soll sich schon früher alles getroffen haben. Ein sehr gemischtes Publikum, so wie heute – aber bei uns benehmen sich alle und gehen auf die Toilette.
Was sind das heute für Gäste?
Wir haben einige, die wirklich jeden Tag kommen. Der Rentner, der hier um eine Ecke wohnt und sein Gespräch braucht, vielleicht auch weil er alleine und seine Frau gestorben ist, Arbeitslose, die auch mal ein Bier trinken, viele Anwälte, Schauspieler – Ben Becker zum Beispiel. Frank Zander meckert jedes Mal mit uns, weil es noch kein Lied von ihm in der Musikbox gibt.
Von einem Gast habt ihr auch den Hecht an der Wand geschenkt bekommen.
Ja, das fand ich süß. Da kam eine Frau rein und sagte, dass ihr Mann hier immer Stammgast war. Ich glaube, der war auch Rechtsanwalt und hatte in seinem Büro einen Hecht hängen und den wollte sie uns gerne schenken und jedes Jahr zum Geburtstag und zum Todestag ihres Mannes mit ihren Kindern kommen und ein Hecht-Gedeck trinken (Anmerkung der Redaktion: Hausbier mit Kümmel). Das machen sie jetzt auch.
24 Stunden, sieben Tage die Woche, gibt es auch Momente, in denen hier keine Gäste sind?
Das kann in der Frühschicht schon mal passieren. Es trinkt ja nun nicht jeder Berliner unter der Woche schon morgens Bier. Ist aber eigentlich selten.
Habt ihr schon Pläne, wie es in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten weitergeht?
Eigentlich denkt man da nicht darüber nach. Wir wollen hier alle noch ganz doll putzen und – wenn's noch länger dauert – vielleicht ein paar Renovierungen machen. Und ja, wir hoffen, dass unser Chef durchhält.
+++ Außerdem im Interview +++ Jukebox-Klassiker, Schmalzstullen, singende Weihnachtsmänner, Lieblingsstammgäste, was Frank Zander gerne trinkt, was Tom Schilling im Hecht gemacht hat, warum sich keine Union-Fans in die Kneipe trauen – und wie Katleen Kirsch reagierte, als einmal Hitler am Tresen stand. Jetzt reinhören.