Durchgecheckt

Durchgecheckt

Mary Scherpe, Mode- & Foodbloggerin auf Stil in Berlin, Gründerin des „Feminist Food Club“ (Foto: privat)

Frau Scherpe, seit dem 22. März durften Berliner Restaurants und Cafés nur noch Außer-Haus-Verkauf anbieten. Schwierige Zeiten für eine, für die Essengehen auch Beruf ist?

Für mich war schon lange bevor die Restaurants ihren Tisch-Service beenden mussten klar, dass ich jetzt erstmal nicht mehr hunderte Instagram-Stories vom tollen Essen in Restaurants posten kann. Das wäre unverantwortlich gewesen. Ich übe mich gerade in Geduld – wie so viele. Ich bin Freiberuflerin und verkaufe ja auch Gastro-Guides für Berlin, über die besten Orte zum Brunchen zum Beispiel. Die wollte natürlich auch niemand mehr kaufen, weil kaum jemand zum Frühstücken ausgegangen ist. Auf meiner Website „Stil in Berlin“ gab es viel weniger Klicks. Wer sucht jetzt nach Restaurant-Tipps? 

Ihr Foodbloggerinnenherz muss doch jetzt wieder kräftig pochen: Seit gestern können wir in Berlin wieder am Restauranttisch essen. Kehrt ein Stück Normalität zurück?
 
Ich bin da zwiegespalten und finde auch den Begriff der „Wiedereröffnung“ falsch. Im Gegensatz zu ganz vielen Läden, zu Clubs, Frisören oder Fitnessstudios zum Beispiel, waren ja Restaurants und Cafés nie ganz geschlossen – es war immer erlaubt, abzuholen und liefern zu lassen. Für mich war das am Freitag kein Tag, an dem ich gerufen habe, „Hurra, die Tore gehen wieder auf“. Das ist das eine – und andererseits sind die Hygieneregeln gerade für viele kleinere Läden überhaupt nicht umsetzbar.
 
Wie meinen Sie das?
 
Die Diskussion um die Wiedereröffnungen wurde ganz stark von Läden bestimmt, die eine relativ große Grundfläche haben und Außenflächen. Das braucht man einfach, um zum Beispiel den 1,5-Meter-Abstand zwischen den Gästen zu organisieren. Für ganz viele kleine Läden macht das gar keinen Sinn, jetzt wieder zu öffnen. Sie dürfen nur ein, zwei Tische besetzen, aber müssen ja trotzdem das gesamte Personal vor Ort haben. Die können so gar kein Geld verdienen. Viele werden deshalb auch erstmal keinen Tisch-Service mehr anbieten.
  
Stattdessen kommt das Essen weiter bis vor die Haustür? Man hatte fast das Gefühl, das verpönte Bestellen von Essen wurde in den vergangenen Wochen zu einem solidarischen Akt.

Diese Krise hat ganz viele gezwungen, ihr Verständnis von Gastronomie zu verändern: Gäste und Gastronomen. Wer überleben will, muss viel über Marketing, Cash-Flow und Branding nachdenken und das anbieten, was die Kunden wollen. Ich hoffe, dass die Berliner Food-Szene dadurch noch diverser und kreativer wird. 

Sie haben auf Ihrem Instagram-Kanal in den vergangenen Wochen viele praktische Tipps gegeben, wie Gastronomen besser durch die Krise kommen. Also: Wie kann das gehen? 

Gastronomen müssen sich überlegen, okay, was wollen meine Gäste wirklich essen, was sind meine Bestseller und wie kann ich die so neudenken, dass sie in diese Zeit passen? Berlin war in der Vorher-Zeit oft eher rückständig: Man konnte kaum gutes Essen bestellen. Das war katastrophal. Lieferung wurde von den Food-Snobs immer belächelt und mitnehmen war auch schwierig. Das Aufregende ist jetzt, dass viele Läden kreativ geworden sind. Aus den ganzen Notlösungen können und müssen nachhaltige Businessmodelle werden. Das ist auch eine Chance.
 
Klingt optimistisch. Der Hotel- und Gaststättenverband warnt, dass viele Berliner Gastronomen pleite gehen, wenn es zu einer zweiten Infektionswelle kommt.
 
Ich würde mich freuen, wenn man die Situation jetzt zum Anlass nimmt, um mal zu hinterfragen, ob die Geschäftsmodelle, die in der Gastronomie gefahren werden, alle so richtig sind. In der Essensproduktion schaut endlich auch der Mainstream auf die Probleme: Es ist einfach nicht richtig, dass bis zu 80.000 Saisonarbeiter aus Rumänien und Bulgarien bei uns Spargel unter den schlimmsten Bedingungen ernten und nicht vor Infektionen geschützt werden. Das gleiche gilt für die fleischverarbeitende Industrie. Wir müssen uns in Zukunft stärker fragen, wie sehr wir die Arbeiter schätzen, die unser Essen produzieren.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn alles wieder normal ist?
 
Ich weiß gar nicht, ob es diesen einen Tag geben wird, an dem alles wieder wie vorher ist. Wahrscheinlich eher nicht. Was ich am meisten vermisse, sind diese Abende, an denen ich mit vielen Leuten in einem chinesischen Restaurant sitze und wir die Karte hoch und runter bestellen. Wir teilen alles, probieren alles gemeinsam. Essen als soziales Ereignis. Einfach eine Schüssel Hummus in die Tischmitte stellen und jeder tunkt da mal sein Brot rein; das geht natürlich jetzt nicht. Ich habe leider das Gefühl, solche Abende sind noch in richtig weiter Ferne.