Durchgecheckt

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Helmut Hochschild war in Berlin als Hauptschullehrer, Schulleiter und Ausbilder von Lehramtsanwärtern tätig, u.a. Interimsschulleiter der Rütli-Schule – kurz nachdem Lehrer 2006 wegen unhaltbarer Zustände einen „Brandbrief“ geschrieben hatten.

Herr Hochschild, welche Note würden Sie dem Land Berlin für seine Bildungspolitik geben?

Eine vier, „ausreichende Leistung mit einigen Mängeln“. In der Begründung würde ich zwei Grundprobleme nennen. Erstens gibt es schwierige Rahmenbedingungen, sprich zu viele Schüler und zu wenig Platz und Lehrkräfte. Zweitens gibt es zu viele Erhaltungsmechanismen. Vieles wird so gemacht, wie es schon immer gemacht wurde.

Und zwar?

Die Schüler lernen für ihre Abschlüsse und Prüfungen, nicht für das Leben. Inhalte werden a) viel zu abstrakt, zu wenig handlungsorientiert beigebracht und sind daher b) gesellschaftlich häufig nicht relevant.

Die von Bildungssenatorin Sandra Scheeres initiierte Qualitätskommission soll das Berliner Schulsystem besser machen.

Es wird sich zeigen, was dabei rauskommt. Aber ich habe Vorbehalte. Es darf meiner Meinung nach beispielsweise auf keinen Fall um fachbezogene Fragen gehen. Wie werden die Kinder wieder besser in Mathematik? Wie in Deutschgrammatik? Das sind falsche Schwerpunkte. Es wird immer nur im Kleinen rumgedoktert. Dabei geht es doch um die großen Entwicklungen, um das Aufbrechen alter Strukturen.

Die GEW kommentierte die Kommission mit dem Satz: „Die besten Qualitätskonzepte nützen nichts, wenn die Fachkräfte fehlen und unsere Schulen auseinanderfallen.“

Klar sind Investitionen wichtig. Und klar, man kann fordern, dass sich die Bedingungen verbessern müssen. Aber das Meckern über fehlende Ressourcen führt dazu, dass nicht gehandelt wird. Man kann bereits jetzt effizient arbeiten. Es gibt hier in Berlin Vorzeigeschulen. Die Havelmüller-Grundschule in Reinickendorf zum Beispiel oder die Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule in Pankow. Die haben nicht mehr Gelder oder Personal als andere, stärken aber zielorientierter die Kompetenzen der Lernenden.

Heißt konkret?

Jahrgangsmischung wird praktiziert. Inklusion wird ernst genommen und auf individuelle Fähigkeiten eingegangen. Sonderpädagogische Förderung gibt es da genauso wie Begabtenförderung. Und was die Lehrer machen wird evaluiert. Da reicht schon eine kurze Frage am Ende der Stunde: Was hat euch gut gefallen? Was nicht so? Wenn wir die Konzepte dieser beiden Schulen berlinweit durchsetzen würden, hätten wir in dieser Stadt die Revolution, die es bräuchte. Dazu muss man nichts neu erfinden. Alles, was es braucht, sind eine gute Vernetzung und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Und eine Verwaltung, die preußische Kommunikationshierarchien hinter sich lässt.

Als sie nach einem Brandbrief 2006 Interimsschulleiter an der Neuköllner Rütli-Schule wurden und sich die Situation durch ihre Arbeit deutlich verbesserte, sagten sie in einem Interview, Ihre Aufgabe sei es gewesen, wieder Ordnung in eine Organisation zu bringen, die vollkommen aus dem Lot geraten war. Bräuchte es nicht genau das jetzt in Berlin?

Das ist nicht vergleichbar. Die Rütli-Schule war ein enges System, das sich durch eine Schulleitung mit einer anderen Haltung korrigieren ließ. Wenn man versucht, in das große System „Ordnung“ zu bringen, passiert wahrscheinlich genau das Gegenteil von dem, was ich will. Fehlende Partizipation, standardisieren, gleichmachen, alles kontrollieren. Viel besser wäre das Gegenteil. Die operative Schulaufsicht in den Bezirken würde ich abschaffen, stattdessen könnten sich Schulleitungen aus dem Kiez miteinander vernetzen und gemeinsam die Personalplanung übernehmen. Zielorientiert. Für solche Entscheidungen braucht es in erster Linie nicht mehr Geld, sondern Mut.