Durchgecheckt

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Carline Mohr, Leiterin der digitalen Kommunikation im Willy-Brandt-Haus

Nowabo und Esken sind seit gestern auch offiziell die neuen Parteichefs der SPD. Gehen die Sozialdemokraten jetzt endgültig unter, wie es zahlreiche Hauptstadtjournalisten schon prophezeit haben?

Lacht. Na, ich hoffe nicht! Das ist ja alles so eine Kristallkugel-Geschichte. Ich glaube, wir sind alle wahnsinnig gespannt, was die beiden jetzt machen und wie es weitergeht. Ich bin eigentlich ganz optimistisch. Aber das wär’ ich ehrlicherweise beim anderen Team auch gewesen. Wichtig ist, dass da jetzt wieder Menschen sind, die vorangehen und die einen Plan haben.

Sie haben die beiden kennengelernt, weil Sie Vorstellungs-Videos aller Teams gedreht haben. War das ein Duo, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich weiß gar nicht, ob ich das sagen darf, aber ich tu’s einfach. Mir war Norbert Walter-Borjans vorher auch gar kein Begriff, ich hab ihn dann natürlich gegoogelt, Steuer-CDs und so weiter. Und nach dem Dreh hab ich wirklich gesagt: Das war aber ein wahnsinnig sympathischer Mensch! Dadurch ist er mir vor allem aufgefallen. Dass er wirklich so eine Strahlkraft, so eine Menschlichkeit hat, auch so etwas Unaufgesetztes, was ja vielen Spitzenpolitikern verloren geht. Saskia hab ich mal bei einem digitalpolitischen Treffen, also quasi privat, kennengelernt, und da haben wir gemeinsam ein Bier getrunken und mir ist aufgefallen: Die kann auf jeden Fall was, die hat irre viel Ahnung von Digitalpolitik.

Sie sind seit sieben Monaten Leiterin der digitalen Kommunikation im Willy-Brandt-Haus. Wie kann man sich Ihren Job vorstellen? In aller Kürze.

Was mir total wichtig ist: Dass wir authentischer kommunizieren, mehr über echte Menschen sprechen. Dass wir viel mehr aus dem Maschinenraum erzählen. Leute fragen immer wieder: Wie läuft denn das, wie ist da der Stand? Da müssen wir auch mal hinter die Kulissen blicken lassen und Politik so erzählen, dass es wirklich Spaß macht.

Es heißt ja oft, die SPD habe ein Kommunikationsproblem, könne ihre eigenen Erfolge nicht verkaufen. Sind Sie deswegen geholt worden? Können Sie das?

Das ist eine sehr gute Frage. Tatsächlich gab es ja so ein paar Momente, zum Beispiel bei der Grundrente, die war ja ein Erfolg. Und ich finde, das haben wir kommunikativ wirklich gut gemacht. Mir war es da wichtig, Erzählungen zu finden, die jeder versteht, wirklich anhand von Menschen zu zeigen: Was bringt uns denn die Grundrente?

Der Sozialdemokrat und selbsternannte Intellektuelle Nils Heisterhagen hat auf Twitter gewarnt, dass in der SPD „gerade endgültig die Social-Media-Linke“ übernehme, „die weder von Strategie noch Inhalten eine Ahnung hat“. Fühlen Sie sich da angesprochen?

Ganz ehrlich: Irgendwelche Dudes, die mir erklären, dass ich keine Ahnung habe – die kenne ich, seit ich arbeite und seit ich im Internet bin. Das macht mir wirklich gar nichts mehr.

Für die Kommunikation der SPD versprechen Sie „keine Zitatkacheln, keine Parteisprache, keine Klickbaits“. Warum?

Weil ich glaube, dass sich in den vergangenen Jahren im Netz wahnsinnig viel verändert hat. Als ich angefangen habe, als Social-Media-Redakteurin zu arbeiten, sind Menschen noch gerne Institutionen gefolgt oder Parteien, weil die vorher nicht auf diesen Plattformen waren. Da hat man mit Zitat-Kacheln herumprobiert und irgendwann Videos gemacht und so weiter. Aber in den vergangenen Jahren ist das Netz wahnsinnig voll geworden. Ich glaube, der Peak ist wirklich überschritten. Menschen wollen wieder Menschen folgen und Menschen zuhören, die nicht Parteisprache sprechen. Darauf haben auch Plattformen wie Facebook reagiert, die jetzt wieder die persönliche Kommunikation fördern. Genau da müssen wir mitgehen. Und diese Zitatkacheln, über die ich immer so schimpfe, die schreien ja quasi: Das habe ich nicht selbst gesagt, sondern das ist ein ausgewählter, abgestimmter Satz, den dann irgendein Team auf eine Kachel geschrieben hat. Kein Mensch glaubt doch, dass das echt ist. Wir probieren deshalb jetzt direktere Kommunikation über Telegram aus, mit neuen Formaten wie Podcasts, und Sachen, die Leute wirklich gerne lesen, hören oder sehen wollen.

Ist das nicht die Aufgabe von Journalisten?

Die Aufgabe von Journalisten und die von Politikern ist natürlich eine vollkommen andere. Der Journalismus ordnet ein, recherchiert, und hinterfragt das, was Politiker so erzählen. Aber das spricht ja überhaupt nicht dagegen, dass sich die Politik ein bisschen mehr Mühe gibt, Inhalte so rüberzubringen, dass man sie besser versteht und dass sie besser ankommen.

Ganz ehrlich: Geht der Hashtag #Eskabolation auf Ihre Kappe?

Lacht. Nein. Den hab ich mir nicht ausgedacht.

Wer denn dann?

Ich glaube, aber ich weiß es nicht sicher, dass der aus Juso-Kreisen kam.

Ich habe auf Twitter gesehen, dass Sie bald SPD-Mitglied werden…

Lacht. Achso?

Nein?

Ich habe nichts unterschrieben. Und ich habe das auch niemandem versprochen.

Sie kommen aus Düren, ganz in der Nähe von Aachen, meiner alten Heimat. Was vermissen Sie in Berlin am meisten am Rheinland?

Ich werde wirklich weich, wenn ich Rheinisch höre. Rheinisch ist der Singsang unter den Dialekten, der klingt anders als alle anderen, da ist so eine Melodie in der Sprache. Wenn ich das höre, das ist bei mir so, wie wenn man etwas riecht. Dann habe ich ganz viele Bilder im Kopf. Was ich so sehr vermisse am Rheinland ist diese sagenumwobene Herzlichkeit, die gibt es wirklich. Gerade in Köln.