Durchgecheckt
Burkhard Kieker ist seit 2009 Geschäftsführer von „visitBerlin“, der offiziellen Organisation für Tourismus- und Kongressmarketing.
Herr Kieker, was macht Berlin weltweit so attraktiv?
Berlin ist eine Comeback-Story, eine Stadt, sie sich nach schlimmster Disruption neu erfunden hat – deshalb liebt uns die Welt.
Aber muss alle Welt deshalb auch herkommen?
Berlin ist kein Kuhdorf mit Schlagbaum, sondern entwickelt sich zu einer Weltstadt, ob uns das nun passt oder nicht. Das ist unsere DNA als Hauptstadt, diese Rolle müssen wir annehmen. Ich finde die ganze Diskussion als erstaunlich provinziell. Und übrigens: Mit dem BER wird Berlin noch internationaler.
Dennoch sind viele Berlinerinnen und Berliner genervt vom Tourismus.
Zunächst: Die Zahlen zeigen das Gegenteil, nämlich eine große Akzeptanz für unsere Gäste bei den Berlinern. Es ist eine kleine aber artikulierte Minderheit, die gerne unter sich bleiben möchte. Trotzdem: Berlin gehört zuerst den Locals. Aber wir sollten nicht so wahnsinnig sein zu meinen, alles was hier zu sehen und zu erleben ist, sei nur für uns Berliner entstanden. Eine Großstadt kann nicht unter sich bleiben, eine Großstadt muss teilen – mit Deutschland und der Welt.
Es gibt Veränderungen, die zu Verdrängung führen.
Ja, da muss man gegenhalten, und das wird ja auch getan. Aber der Tourismus ist nicht für steigende Mieten verantwortlich, sondern zunächst mal für rund 250000 Jobs von Menschen, die damit ihr Geld verdienen und Miete zahlen können. Manche Leute würden Berlin gerne einfrieren wie einen Fisch auf dem Buffet, aber das funktioniert in einer so dynamischen Stadt einfach nicht.
Auch in der Politik gibt es Tourismus-kritische Stimmen.
Die rasante Entwicklung Berlins beunruhigt manche Leute auch verständlicherweise und das wird im Moment gerne der Einfachheit halber beim Tourismus abgeladen – auch, weil Touristen keine Wähler sind.
Die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg möchte die Berlinwerbung am liebsten beenden.
Bei der Dame geht‘s glaube ich erstmal um Eigenwerbung. Aber dennoch: Der Tourismus lässt sich nicht abschaffen. Seit Amsterdam das Stadtmarketing eingestellt hat, ist die Zahl der Touristen dort um 15 Prozent gestiegen, und es kommen ungebremst Junggesellenabschiede.
Also ist der Tourismus offenbar doch nicht so gut steuerbar.
Berlin nimmt seit dreißig Jahren gerne Geld aus dem Tourismus ein, steckte aber lange fast nichts in die Infrastruktur. Es gibt zum Beispiel noch immer kein Reisebuskonzept. Auch das Leitsystem kommt nur mit gähnender Langsamkeit voran, dabei könnten wir damit schon viel erreichen.
Geht mit der Flugscham der Tourismus nicht irgendwann zurück?
Tourismus ist die größte Form von Kulturaustausch. Das ist keine Modeerscheinung, sondern ein Grundbedürfnis der Menschen.
Was würden Sie Ihrem Berlin-Besuch empfehlen?
Neben der Besichtigung unserer Geschichte würde ich sagen: In den Kurfürstendamm-Seitenstraßen ins Café setzen, auf der Friedrichsbrücke die Menschen an sich vorüberziehen lassen, und abends ins den „Zig Zag Jazz Club“ oder ins „Orania“.
Das vollständige Interview erscheint am Sonntag im Tagesspiegel.