Durchgecheckt
Gabor Steingart hat nach Stationen bei „Spiegel“ und „Handelsblatt“ seine eigene Firma gegründet: „Media Pioneer“. Seit Jahren schreibt er einen viel beachteten Newsletter, das „Morning Briefing“.
Gabor, was sagst Du als Newsletter-Pionier: Wie lang trägt das Medium E-Mail noch das „Morning Briefing“ und den „Checkpoint“ zu den Leserinnen und Lesern?
Ehrliche Antwort: keine Ahnung. Aber ich glaube, das Trägermedium ist nicht entscheidend, nur der Inhalt. Mick Jagger weiß wahrscheinlich gar nicht, dass die Langspielplatte verstorben ist und dass auch Mini Disc und Walkman auf dem Friedhof der Übergangstechnologien liegen. Er macht unverdrossen weiter Musik. Und wir beide, Lorenz, sollten es ihm gleichtun: Unsere Musik ist das Wort. Deine Satisfaction heißt Checkpoint. Glückwunsch übrigens!
„Media Pioneer“ produziert einen politischen Podcast am Morgen, einen aus Amerika, bald einen über die Börse und einen als Talk. Auch der „Checkpoint“ startet im kommenden Jahr drei verschiedene Podcast-Formate. Wird Audio zum wichtigsten journalistischen Medium?
Die Haltbarkeit solcher Aussagen hat sich verkürzt, wie Du weißt, weil wir in einer Zeit unfassbar schneller technologischer Zyklen leben. Aber ja, im Moment liefert der Podcast genau das, was unserem Freiheitsdrang entspricht. Ich kann selber hören, wann und wo, aber auch so viel und so oft ich will. Dieses Medium ist wie der Mensch: nahbar und non-linear.
Auf der Website von „Media Pioneer“ heißt es: „Wir sind ein Medienunternehmen neuen Typs“ – was ist das Neue?
Finde es selbst heraus. Ich lade Dich auf unser Redaktionsschiff Pioneer One ein, das mit Elektromotor, Podcast-Studio und Newsroom gerade von einer kleinen Familienwerft am Rhein gebaut wird. Anfang Mai ist es fertig, und dann schippern wir zehn Tage von Köln über Düsseldorf, Duisburg, Münster, Wolfsburg, Magdeburg und Potsdam nach Berlin zum Reichstag. Das Motto der Tour: „Vom Ich zum Wir. Fluss der Gedanken“. Viele Leserinnen und Leser, Hörerinnen und Hörer, aber auch Spitzenpolitiker, Wirtschaftsbosse und Künstler werden an Bord dabei sein. Und hoffentlich Du! Steig doch in Potsdam dazu. Und dann produzieren wir live einen Podcast gemeinsam. Was hältst du davon?
Sehr gerne, das machen wir! Noch eine Frage zu „Media Pioneer“: Im Mission-Statement heißt es: „Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, sondern die harmlosen“. Was ist die wichtigste Voraussetzung für kritischen Journalismus, was die größte Herausforderung, was die größte Gefahr?
Der liberale Vordenker Lord Acton hat den Satz geprägt: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“. Das gilt auch für Nähe. Viele Journalisten sind Teil des Milieus geworden, das sie beschreiben. Sie haben Neugier durch Haltung ersetzt. Der Typ des journalistischen Aktivisten ist entstanden. Die gemeinsame Herausforderung besteht darin, diese Fehlentwicklung zu erkennen und zu korrigieren.
Was müssen Journalisten heute anders machen als vor 10 oder 15 Jahren?
Wir müssen uns neu definieren. Wir sind keine Print- oder Radio- oder TV-Journalisten. Wir arbeiten technologieoffen. Und wenn sich Journalismus verflüssigen lässt, dann verflüssigen wir ihn eben. Dann gibt es den Checkpoint als morgendliches Erfrischungsgetränk. Wunderbar!
Unter uns Morgen-Newsletter-Schreibern: Bist Du eher Frühaufsteher oder Nachtarbeiter?
Beides. Bis Mitternacht schreiben. Und ab 5:30 morgens Endredaktion. Es gibt Jobs, die kann man nicht delegieren, deiner und meiner gehört dazu.
Zwei kurze Fragen zum Schluss:
Berlin ist für mich…
… meine Geburtsstadt, meine Inspiration und meine Liebe. Und die gesteigerte Form der Liebe besteht darin, dass ich mich manchmal ärgere. Zum Beispiel über eine Metropole, die unter ihrem Niveau regiert wird. Der letzte große Regierende Bürgermeister, den die Stadt hervorgebracht hat, war Richard von Weizsäcker.
Am Checkpoint mag ich…
… alles! Auch die Information, aber vor allem den Ton. Der Checkpoint schaut humorvoll und mit dem nötigen Respekt auf die Menschen dieser Stadt. Und mit der gebotenen Respektlosigkeit auf die Mächtigen. Die Stadt hat einen solchen publizistischen Gegencheck verdient. Oder um es mit Hannah Arendt zu sagen: „Wahrheit gibt es nur zu zweien.“