Irischer Vogelgesang, zum englischen Wetter passende Musik und betont weibliche Blumentopfinnen
Samstagmorgen, Kühlschrank leer. Die Arbeitswoche noch in den Knochen, schreit alles nach verlängerter Bettruhe und einem ans Kopfende gebrachten Frühstück, man hat es sich ja verdient. Wie systemrelevant Essensbot:innen sind, wird nicht erst mit Lockdown-Kater deutlich. Wer noch die zahlreichen Berichte über fragwürdige Arbeitsbedingungen der Zunft aus den Vorjahren im Kopf hat, schmeckt womöglich eine fade Note mit. Zumindest für Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln liefert das Lieferkollektiv Kolyma2 jetzt Erleichterung frei Haus. Zwei ex-Deliveroo-Fahrer haben hier einen betont fairen Dienst aufgebaut – und bauen ihn weiter aus. Über die Coopcycle-App steht eine kuratierte Auswahl an Restaurants zur Auswahl.
Samstagmittag – Die Töpferin Viola Hänsel feiert mit ihren Blumentöpfen und Vasen die Vielfalt weiblicher Formen jenseits der, wie sie sagt, „standardisierten und idealisierten Körperbilder aus Werbung und Sozialen Medien“. Eine kleine Auswahl dieser handgeformten Skulpturinnen hält sie im Online-Shop bereit.
Samstagabend – Wenn schon nichts Neues passiert, muss man eben das Alte wiederaufgießen. Wer sich in eine andere Zeit wünscht, wird um 21 Uhr mit dem Livestream vom BKA Theater in die Vergangenheit gerissen – in die Zehner und Zwanziger des zwanzigsten Jahrhunderts nämlich, wo die hiesige Popmusik vor allem Chansons und Couplets kannte und die Stars noch Claire Waldoff, Otto Reutter, Fredy Sieg oder Friedrich Hollaender hießen. Sängerin Sigrid Grajek und ihre Pianistin bieten das Repertoire nicht nur dar, sondern reichern es mit Anekdoten aus seiner Zeit an, um zu klären, „was der Berliner braucht, um glücklich zu sein“.
Sonntagmorgen – Der frühe Vogel… kommt heute aus Irland, genauer: von den Ufern des Dubliner Royal Canal, wo der dort lebende Sound-Künstler Christopher Steenson morgendlichen Vogelgesang (im Englischen mit dem herrlichen Begriff „dawn chorus“ bezeichnet) aufnimmt und landesweit im Rahmen seines Projektes On Chorus über die Bahnhofs-Lautsprecheranlagen der irischen Staatsbahn (Iarnród Éireann) wiedergibt. Damit auch wir uns mit geschlossenen Augen eben dorthin horchen können, läuft die Wiedergabe auch als Livestream von 7 bis 8 Uhr morgens hiesiger Zeit, und das täglich bis 29. November.
Sonntagmittag – James Joyce, Autor von Dubliners, wäre auch ein hervorragender Gast für den Podcast Dear Reader gewesen – er hatte dafür leider keine Zeit. Einen Mangel an Autor:innen hat Moderatorin Mascha Jacobs allerdings nicht. Wer Literat:innen nicht nur lesen, sondern auch hören und erfahren möchte, was die selber so lesen, findet hier zahlreiche Einblicke hinter die Kulissen der Berufsgruppe mit der mutmaßlich allergrößten Homeoffice-Erfahrung.
Sonntagabend – Wer meint, dass Schriftsteller:innen grundsätzlich überall arbeiten können, erkläre das mal Thomas Bernhard, der ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch auf Mallorca schreiben konnte. Friedrich Nietzsche soll dermaßen wetterfühlig gewesen sein, dass er mit Wetterkarten ganz Europas im Kopf seine Arbeitsorte plante. Alles Jammern auf hohem Niveau, wenn man Komponist:innen elektroakustischer Musik des zwanzigsten Jahrhunderts fragte. Was in Deutschland das Studio für Elektronische Musik des WDR, war den Briten der BBC Radiophonic Workshop – die einzige größere Anlaufstelle für die Musik der Zukunft, wie viele damals glaubten. Ebenda schuf eine gewisse Delia Derbyshire 1963 den Soundtrack für die damals neue TV-Serie „Dr. Who“ mithilfe von Labortechnik und Tonbandmaschinen. Derbyshire wurde als eine der ersten erfolgreichen Frauen in der elektronischen Musik zur Ikone und wird am morgigen Montag mit einem Ehrentag gefeiert. Zur Einstimmung gibt es schon heute, erstens, englisches Wetter und zweitens, um 19 Uhr Berliner Zeit einen Livestream des Radiophonic Workshop, der das ganze Internet in ein gigantisches Instrument (Artikel in englischer Sprache) verwandeln will.