Stadtleben
Samstagmorgen – Ob Sie sich in letzter Zeit ver-standen haben, ver-legen oder bloß mit dem falschen Fuß aufgestanden sind – alles beste Voraussetzungen für ein Wochenende in medias res. Wenn das nämlich zu ungewöhnlichen Bewegungsmustern führt, etwa mit Schlagseite oder auf allen Vieren bodennah, fallen Sie in der Stadt nicht weiter auf. Es ist nämlich August – und damit Tanz im August. Und was ist Tanz schon anderes als eben ungewöhnliche, von der Norm abweichende körperliche Bewegung, die für Außenstehende immer etwas Befremdliches an sich hat? Nun, er ist so einiges mehr – hier entlang zum Programm und einer deutlich weiteren Perspektive auf das Thema. Wer sich vorher noch etwas erfrischen mag, springe am besten bei Neuruppin ins Wasser. Da findet alljährlich das Langstreckenschwimmen über 10 und 15 Kilometer ab Wustrau-Altfriesack statt – und die anschließenden Kalorienbomben nebst Kaffee im Café Stoye sollten wohlverdient schmecken.
Samstagmittag – Auch das Radio ist mit körperlicher Bewegung schon immer recht eng verknüpft gewesen. Beispiel: Als H. G. Wells Roman „Krieg der Welten“ 1938 als Hörspiel über das noch junge Medium ausgestrahlt wurde, sollen sich in New York Menschen in Bewegung gesetzt haben, um die Stadt zu verlassen und vor der Invasion der Marsianer, von der das Hörspiel berichtet, zu fliehen. Aber auch die Tatsache, dass Funkwellen vor keinen Staatsgrenzen oder gar Mauern Halt machen, hat schon manch verbotenen Tanz ermöglicht – man denke an den Empfang von Radio Luxemburg im Ostblock trotz eisernem Vorhang. Manchen Zeitgenossen soll schon die Vorstellung, immerzu von unsichtbaren und unhörbaren Funkwellen durchdrungen zu sein, so unheimlich gewesen sein, dass sie an Schwindel und Seekrankheit zu leiden angaben. Der Großteil dieser Magie ist uns mit den Jahren abhanden gekommen. Etwas davon wieder zu entdecken ist aber durchaus möglich – etwa beim RadioArt Workshop im West Germany. Mit Radiokunst wird hier unter technischen wie inhaltlichen Gesichtspunkten das Feld neu beackert und möglicherweise das ein oder andere Wunder geerntet. Skalitzer Straße 133, 10 Uhr, 5 Euro
Samstagabend – Apropos Ostfunk: Die Fassade der phallischen CIA-Abhörstation auf dem Teufelsberg zerfällt wie ein Symbol für den Niedergang des Patriarchats. Das nur nebenbei. Heute wird sie zudem zur Leinwand eines sich in der Vertikalen, an Seilen abspielenden Tanztheaters – man denke sich die Choreographie wie ein Schwimmen in den Funkwellen, deren heutige Dichte durch den Mobilfunk noch weitaus höher ist als zu aktiven Zeiten der Station. Um 19 Uhr beginnt das Stück Grenzlinien vom Ensemble Vola. Sonnenuntergang ist um 20.42 Uhr und die Blaue Stunde um halb zehn vorüber – danach ist man nachts im Wald, was einen ebenfalls in Bewegung halten könnte.
Sonntagmorgen – Kaum ist man aus dem Agentenkrimi erwacht, trinkt man seinen Kaffee inmitten einer viertelweiten Spurenbeseitigung: Ihre Einwohner haben die Schöneberger Rote Insel nämlich zum Stadtteilflohmarkt erklärt – die ganze Rote Insel wird alten Krempel los und verwickelt Besucher in Gespräche über die dazugehörigen Geschichten. Über den gesamten Kiez verteilt sind mit Schildern und Ballons gekennzeichnete Hinterhöfe geöffnet, auf denen Stände mit Dachboden- und Kellerfunden aufgebaut sind. Hintergründiger als in diesen Hinterhöfen wird es in Berlin so schnell nicht werden. Sehr gut und gemütlich frühstücken, Kaffee trinken und Zeitung lesen kann man übrigens ab 9 Uhr inmitten des Ganzen im Mokalola, Leberstraße 21.
Sonntagmittag – Auf die häufig mit esoterischem Nachdruck vorgebrachte Feststellung, man solle doch am besten ganz und gar im Hier und Jetzt leben, soll Karl Lagerfeld angewidert geantwortet haben, er lebe stets nur in der Zukunft. Wer will denn schon wirklich im Hier und Jetzt sein, wenn doch offensichtlich das allermeiste Freizeitprogramm darauf ausgerichtet ist, eben daraus auszubrechen. Wer sich, von Modezaren eingeschüchtert, nicht so recht in die Zukunft traut, fliehe doch nach Wedding. Nach den Schöneberger Hinterhöfen (siehe oben) lebt hier die barocke Hofkultur auf – und insbesondere der barocke Tanz. Im literarischen Salon L’écritoire, Schönwalder Straße 20, verlegen Sunniva Unsgård und Amandine Affagard die Gegenwart ins 17. Jahrhundert und bieten mit Sopran und Theorbe oder Barockgitarre Tänze der frühen Generalbasszeit dar.
Sonntagabend kehren sich die Vorzeichen wieder um: Deborah Hay verkörpert im wahrsten Sinne eine Gegenwart voller Geschichte, genauer: zeitgenössischen Tanz und seine Vorbedingungen. Die gebürtige New-Yorkerin, und Mitgründerin des Judson Dance Theater hat nämlich mit kaum einem Vertreter der Nachkriegsavantgarde nicht zusammengearbeitet – von Merce Cunningham über Steve Paxton und Robert Morris bis Andy Warhol und Laurie Anderson, you name it, hat sie auf die ein oder andere Weise heutigen Tanz mitgestaltet. Dabei war immer der Körper – der persönliche, politische, handelnde und empfindende Körper Ausgangs- und Zielkoordinate ihrer Arbeit. Auch heute steht bei „Animals on the Beach & my choreographed body...revisited“ eben der im Rampenlicht. 19 bis 20.15 Uhr im HAU 1. Wie als Antwort darauf ist der Körper bei Eszter Salamon einer, der sich vor allem über seine Beziehungen zu anderen verwirklicht – entsprechend steht Salamon bei ihrem Stück „Monument 0.7: M/Others“ mit ihrer Mutter auf der Bühne der St. Elisabeth Kirche um 20.30 Uhr. In 15 Minuten vom HAU 1 in die Invalidenstraße 3 geht übrigens ganz problemlos per Zeitreisen.