Wirf dich in Schale, Berlin, es ist Wochenende!
Austern schlürfen, einen Synthesizer bauen, spazieren gehen mit Blick auf die Skyline der Stadt – es gibt nichts, was es am Wochenende nicht gibt in Berlin. Die Tipps von Thomas Wochnik
Foto: Manfred Thomas
Samstagmorgen – Es ist Wochenende, Arbeitsuniformen kommen in den Wäschekorb und schon beginnt bei gar nicht so wenigen das Kopfzerbrechen über das richtige Freizeitoutfit – dieses Wochenende ist ja nicht letztes Wochenende, also sollte man auch nicht so aussehen. Zum Glück öffnen schon um 10 Uhr die Heckmann Höfe (Oranienburger Straße 32, U-Bhf Hackescher Markt) mit Second Love, wo „handgeprüfte Second Hand Kleidung zum günstigen Preis“ feilgeboten wird – der Eintritt kostet einen schlanken Euro und die ersten 50 Gäste bekommen einen Gratissekt. In Schale geworfen und vielleicht schon ein wenig angetüdelt, kann man das Programm konsequent in Begleitung von Schalentieren (und mehr Sekt) in der Weinerei (Veteranenstraße 17, U-Bhf Rosenthaler Platz) fortsetzen, wo ab 14 Uhr Austern verkostet werden.
Samstagmittag – Wer schon immer davon träumt, selber Musik zu machen, sich in Schale geworfen und in umständlicher Pose dem Blitzlichtgewitter auszusetzen, aber genau weiß, dass die Sache mit dem Talent am Instrument irgendwie nie mehr als eine Fantasie war, dem kann geholfen werden. Um 15 Uhr findet nämlich der Build Your Own Blind Noise Synthesizer Workshop im Pedal Markt in der Köpenicker Straße statt. Gegen 67 Euro baut man sich hier unter fachkundiger Anleitung einen vollwertigen Synthesizer. Der Clou: Der Fehler ist hier Prinzip – egal, wie wenig Musikalität man mitbringt, verspielen kann man sich sowieso nie und somit folglich direkt die Bühnen erklimmen. Etwa so klingt es, wenn es fertig ist. Sicher auch schön als Geschenk – zum Beispiel an Kinder, die damit spielerisch für bestimmt angenehme Dauerhintergrundberieselung sorgen.
Samstagabend – Es gibt bekanntlich richtig harten Techno, der an die Hammerschläge des Höllenschmieds Hephaistos auf den Schmiedestahl denken lässt. Wie vielschichtig und feinsinnig elektronische Tanzmusik auch sein kann, demonstriert Mieko Suzuki, Berliner DJ, schon seit 2007 bei jeder Gelegenheit. So ist es auch kein Zufall, dass sie heute um 22 Uhr im Rahmen der „Rituals of Care“ im Gropius Bau (Niederkirchnerstraße 7, U-Bhf Kochstraße) auflegt, womit sie automatisch auch einen für die hiesige Sozialisation wesentlichen Teil der Berliner Kultur in den Fokus öffentlicher Fürsorge rückt: Die Vielfalt unserer Clubkultur, die oft allzu eindimensional dargestellt wird.
Sonntagmorgen – Aber was hat man am Ende von der schicken neuen Schale, wenn man bei Tageslicht das Haus nicht verlässt? Eine gute Gelegenheit, sein Pfauenkostüm zur Schau zu stellen, bieten weite, lichte Flächen. Wenn sie als Bonus einen schönen Ausblick auf die Skyline der Stadt bieten, umso besser! Das ergibt den perfekten Selfie-Hintergrund. Möglich ist das zum Beispiel beim morgendlichen Spaziergang am Hahneberg – der eigentlich aus zwei Bergen besteht, die mit knapp 90 Metern über Normalnull eigentlich auch keine Berge sind, aber wir wollen nicht kleinlich sein. Wer so schon morgens Energie getankt hat, kann diese anschließend in die Reinigung von Stolpersteinen fließen lassen. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages treffen sich um 11 Uhr Freiwillige vor der Sparkasse am Hackeschen Markt, um die Stolpersteine in der näheren Umgebung etwa eine Stunde lang zu putzen und Geschichten zu den Hintergründen zu erfahren. Möchte man das auch mal ohne gegebenen Anlass alleine tun, gibt es hier eine Videoanleitung.
Sonntagmittag – Eigentlich ein geradezu spießiger Traum aus vergangenen Zeiten: die romantische Zweisamkeit von einem eigens gebuchten Geigenvirtuosen untermalen zu lassen. Ausgerechnet mit einem Avantgardisten unserer Zeit geht er heute in Erfüllung, und zwar kostenfrei, für 15 Minuten. Paul Valikoski vom Solistenensemble Kaleidoskop hat mit der finnischen Choreographin und Tänzerin Milla Koistinen gemeinsam ein Stück über die Liebe vor dem Hintergrund einer zunehmend auseinander driftenden Gesellschaft erarbeitet. Von 17 bis 18.15 Uhr beginnt viertelstündlich eine Vorstellung im Radialsystem. Eintritt nur zu zweit, zur Anmeldung hier entlang.
Sonntagabend – Zum Wochenendeende besinnen wir uns noch kurz auf die Vergangenheit: Auf der kleinen Bühne der Multifunktionsbar Monarch (Skalitzer Straße 134, über Rewe am U-Bhf Kottbusser Tor) darf jeder eigene Texte von gestern, also aus eigener Kindheit und Jugend, öffentlich vortragen, sich im Pathos ergehen, nostalgisch seufzen und sich von den Geschichten anderer ergreifen lassen – seien es besondere Tagebucheinträge, Ausschnitte aus Schulaufsätzen, Lyrik, Briefe – es geht darum, alten, vergangenen Ichs zuzuhören und über sich selbst zu staunen. Versöhnlicher wird man wohl kaum in die Woche starten können. Eintritt 8,80 Euro