Stadtleben
Samstagmorgen – Der oft durchritualisierte Genuss von Kaffee nimmt in manchen Haushalten ja durchaus liturgische Züge an. So richtig konsequent lässt er sich bei Kaffeepur, Paul-Lincke-Ufer 44A, zelebrieren. Denn man trinkt ihn in ausgemusterten Kirchenbänken und schaut dabei ins Licht. Das Licht der Sonne, um genau zu sein, die ihrerseits in einer noch viel längeren Anbetungstradition steht als jede Bohne. Die Bänke stehen im Freien und bieten die Gelegenheit, noch die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres in relativer Ruhe abzugreifen, gern unter Besinnung auf die Anbaubedingungen des braunen Goldes – auf möglichst faire wird hier Wert gelegt. Andernorts kann es hingegen schon mal laut werden. So startet ab 11.30 Uhr der Förderkreis Ostkurve einen als „Fahrradtour“ etwas irreführend bezeichneten Hahohe-Korso vom Alex zum Hertha-Heimspiel im Olympiastadion. Gegen wen eigentlich? Ist doch egal.
Samstagmittag – Aufgrund überwältigender Nachfrage – noch sind sogar Tickets (8 Euro) verfügbar – setzen sich der französische Soziologe Didier Eribon und Literaturkritiker Stefan Zweifel heute um 16 Uhr erneut zusammen, um über Eribons autobiografische Reflexion „Rückkehr nach Reims“ zu sprechen. Wer also für die Veranstaltung am gestrigen Freitag keine Karten bekommen oder Zeit gefunden hat, hat hier nochmals die Chance, rechtspopulistische Tendenzen zu diskutieren, die Aktualität des Begriffs „Arbeiterklasse“ zu eruieren und queere Erfahrungshorizonte mit einem der interessantesten Autoren der Gegenwart zu illuminieren.
Samstagabend – Apropos Licht: Im März 2016 ließ der Künstler Ai Weiwei einen strahlend weißen Flügel in den trostlos graubraunen Schlamm des griechischen Flüchtlingslagers Idomeni stellen, auf dem die syrische Pianistin Nur Alchsam nicht nur eine bewegende Performanz für die Geflüchteten darbot, sondern die ganze zuschauende Welt darauf aufmerksam machte, dass mit Begriffen wie Flüchtlinge oder Geflüchtete vollkommen unterschiedliche Menschen allzu simpel reduziert werden. In der Philharmonie erinnert heute Abend einmal mehr die Musik daran, dass Syrien weit mehr ist als ein Kriegsschauplatz: Das „Ornina Syrian Orchestra“ spielt unter dem Dirigat von Shafi Badreddin Stücke von Rawhi Al-Khamash, Omar Albatch, Wanis Wartenian, Hassan Skaf, Mohamman Abd Alwahab, Adham Assantouri sowie aus mancher unbekannten Feder. Kammermusiksaal um 20 Uhr, Tickets ab 29,20 Euro.
Sonntagmorgen könnte man schon mal einen Freund und Entscheidungshelfer brauchen, denn in der Charlottenburger Chaussee 67, Ruhleben, gibt die Polizeidirektion 2 ab 10 Uhr beim Tag der Offenen Tür Einblick in Polizeikultur, schon ab 11 untermalt aber das Sunset Deluxe Trio den Jazz-Brunch im Yorckschlösschen. Was also tun? Während die Band einen Teil der Stadt einlullt und die Beamten mit dem Aufhalten von Türen abgelenkt sind, stürmen Studentinnen der Saxophonklassen der Hochschule „Hanns Eisler“ und der UdK ab 12 Uhr die staatlichen Museen mit Fanfaren anlässlich des „Tages des Saxophons“ mit historisch zu den Exponaten nicht korrekten Soundtracks – das Saxophon ist mit seinen ~150 Jahren nämlich noch verhältnismäßig jung, schreibt sich aber mit dem heutigen „Saxophonsturm“ in einer für Musikinstrumente ungewohnten Weise in die Geschichte ein.
Auch der Sonntagmittag verlangt Entscheidungen ab: Während beim IPPNW-Benefiz-Konzert das Wei Wu Trio im Kammermusiksaal für die Integration von Flüchtlingskindern barockes Programm auf Sheng, Viola und Kontrabass darbietet, versetzt Matthias Pintscher mit dem von Pierre Boulez 1976 gegründeten Ensemble Intercontemporain den Boulez-Saal in zeitgenössische Schwingungen – beides um 16 Uhr. Im Schlot in Mitte erklingt ab 17 Uhr entgegen aller Gewohnheit kein Jazz sondern Literatur, die zudem eine Art literarischen Sportsgeist beweist. Es geht hier um einen Literaturmarathon, und wie bei jedem Marathon dürfte dabei einiges ab- und anderes aufgebaut werden. Was genau, wird am besten partizipativ in Erfahrung gebracht. 17 Uhr, Invalidenstraße 117. Eintritt frei.
Sonntagabend – Auch das Wochenendeende kommt mit ritualistischer Note, wenn man sich in den Petersburg Art Space begibt. Am Präparierten Klavier mit Stefan Schulze und Simon Rose am Baritonsaxophon (es ist doch Tag des Saxophons!) ist nämlich eine mit vielen Wiederholungen sich in intensive Schwebezustände steigernde Musik zu erwarten, die ihr Publikum agitiert und voller Tatendrang in die Woche entlässt. Nur die Nacht muss man dann noch abwarten in diesem Zustand, der den nötigen Schlaf hoffentlich nicht unmöglich macht. Nach so einem Programm wäre etwas Erholung durchaus angebracht. 20 Uhr in der Kaiserin-Augusta-Allee 101