Von Bildungsspaziergängen, dem modernen Menschen und ein wenig was zum Dahinschmelzen
Samtagmorgen – Was ist nur aus dem Bildungsspaziergang geworden? Sofern er über die Akademie der Künste führt, etwas ganz Schönes eigentlich. Das Haus am Hanseatenweg, das den Tiergarten als erweiterten Flaniergarten hat, hat eine Reihe von Radiokompositionen und Hörspielen in Auftrag gegeben, die mithilfe von Smartphones beim Lustwandeln zu hören sind. Über QR-Codes am Gebäude werden die Hörstücke abgerufen. Darunter der Field Log Cobourg der wahlberliner Komponistin Kirsten Reese: eine kunstvolle Radiokomposition über die überraschende Begegnung britischer Marinesoldaten mit dem Brandenburger Naturwissenschaftler Ludwig Leichhardt in Australien 1849, in der es um Kolonialgeschichte, Termiten, das weite Feld von kulturellem Wissen und seine Vermittlung geht. Verfügbar ab 10 Uhr.
Samstagmittag – Eine der eingängigsten Definitionen der Moderne besagt, dass der moderne Mensch sich seiner eigenen Geschichtlichkeit bewusst ist. Der vormoderne Mensch, Knecht in monarchistischen Systemen, empfand sich dagegen schlicht als vergänglich. Die Künstlerin Dagmar Schürer behauptet in ihrer immersiven Multimedia-Installation We Are Already History And We Don‘t Know It das Gegenteil. Ihre Beweisführung erbringt sie über eine Auseinandersetzung mit dem Gehirn. 14 bis 17 Uhr im Fitzroy, S-Bahn Bogen 46, Holzmarktstraße 15. Der Eintritt ist frei.
Samstagabend – Ein glänzendes Beispiel für das aktive Mitgestalten der Geschichte in der Moderne sind übrigens Bürgerrechtsbewegungen. Beim CSD Berlin Pride geht es mit gleich drei Demos, die zum Alexanderplatz führen, um die Sichtbarkeit queerer Kultur. Ebenda, auf dem Gelände der Alten Münze, Molkenmarkt 2, steigt von 16 bis 23 Uhr mit dem Pride Garden die Abschlussveranstaltung. Strenge Corona-Regeln sorgen für eine Reduktion der Gäste, der Vorverkauf ist daher auch schon geschlossen. An der Abendkasse sind allerdings Tickets zu 8 Euro verfügbar.
Sonntagmorgen – Immer mehr Waldbewohner arrangieren sich seit Beginn der Moderne mit den Lebensbedingungen in Städten, und das notgedrungen. Denn das Nahrungsangebot auf dem von Monokulturen geformten Land, der Schwund von Insekten durch Pestizid-Einsatz und die voranschreitende Verstädterung erschweren oder verunmöglichen den Tieren das Leben in ihren natürlichen Habitaten. Eben das hat die aktuelle Ausstellung Cohabitation im Silent Green, Gerichtstraße 35, zum Thema, die sich als „Manifest für die Solidarität von Menschen und Tieren im Stadtraum“ versteht. Eineinhalbstündige Zeitfenstertickets zwischen 11 und 17 Uhr kosten 5 Euro.
Sonntagmittag – Wie es sich anfühlt, Schulter an Schulter mit den prominentesten Promis Berlins zu stehen, macht das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds erfühlbar. Vorteile: Wer nicht sonderlich gut im Smalltalk ist oder sich schnell eingeschüchtert fühlt, kann sich hier entspannen. Außerdem ist Zeitreisen angesagt, denn neben manchen Zeitgenoss:innen stehen auch Stars wie Marlene Dietrich, JFK, David Bowie und viele andere für intensiven Blickkontakt zur Verfügung. Das Haus hat die Pandemie genutzt, um seine Ausstellung von Grund auf neu zu gestalten, im neuen Mittelpunkt steht das vergangene Jahrhundert Berliner Geschichte mit einem neuen Schwerpunkt auf queeren Protagonist:innen. Tagestickets kosten 24 Euro.
Sonntagabend – Vom hoffentlich nicht dahinschmelzenden Wachs zu Wasser: Auf dem Galerienschiff Hošek Contemporary, am Spreeufer nahe Fischerinsel 3, lässt Stimmakrobatin Heather Green die Schallwellen aus ihrem Stimmorgan mit denen des Wassers Interferenzmuster bilden, Pianist Klaus Sallmann bietet dem ausufernden Gesang einen tonalen Anker und die MS Heimatland stellt mit viel Holz einen akustisch trocken klingenden Raum zur Verfügung, der sich so gar nicht anfühlt, als wäre man noch in Berlin. Die Platzzahl ist auf 20 reduziert, wer zuerst kommt, mahlt zuerst.