Stadtleben
Samstagmorgen – Es ist Karneval! Und Karneval heißt Ausnahmezustand. Die Hierarchien werden ausgesetzt, Pflichten aufgehoben, hinter den unterschiedlichsten Masken sind vorübergehend alle einander irgendwie gleich. Wer bei „Karne-“ an Chili con Carne oder die Carnivore denkt (wer tut das nicht?), hat übrigens ganz Recht: Der Wortstamm ist derselbe, bedeutet Fleisch, und dieses wird mit dem lateinischen Verb „levare“ aufgehoben, gelöst und erleichtert: Carne levare, verschränkt zu Carneval, war nämlich mal das Fest, bei dem die Fleischvorräte aufgebraucht wurden, damit sie in der anschließenden Fastenzeit nicht verdarben. Haben Sie viel Spaß mit diesem Hintergrundwissen heute ab 11 Uhr auf dem Blücherplatz sowie beim morgigen Umzug, dem Herzen des Karnevals der Kulturen! Wem das so früh am Samstagmorgen noch zu viel weltkulturelles Getöse mit zu einseitiger Ernährung ist, kann sich vielleicht eher für das C|O erwämen. Hier beginnt der Tag beim Breakfast Club (22 Euro) um 10 Uhr mit einem Frühstück samt anschließenden Führungen durch die Ausstellungen „Elfie Semotan“ und „Food for the Eyes“.Samstagmittag ist Fußball, genauer: Anpfiff zur Frauen-WM. Um 15 Uhr treffen die deutsche und die chinesische Mannschaft im bretonischen Rennes aufeinander. Wer beim Thema Fußball nicht nur emotional sondern vielleicht auch mürrisch, philosophisch bis kulturkritisch wird und eher von konfrontativem Naturell ist, verbringe doch den Tag im ZK/U. Bei Fussballaballa wird das beliebte Format des Public Viewing um Dokumentarfilme, interaktive Info-Points und vieles mehr (siehe Programm) erweitert. Im Focus steht dabei vor allem das Thema Gender- und Geschlechterwahrnehmung im Fußball. Damit wäre eine Verbindung wirklich interessanter Angelegenheiten mit dem runden Lederfetzen vollzogen.
Samstagmittag – Apropos interessant: Oskar Pastior war ein geschätzter Dichter, Herta Müllers Roman „Atemschaukel“ handelt von seinem Leben. Weniger bekannt ist, dass er außerdem eine Fülle von Zeichnungen hinterließ. Das Haus für Poesieund die AdK stellen nun eine Auswahl aus. Und die Eröffnungsrede hält eben die Berlinerin und Nobelpreisträgerin Herta Müller um 15 Uhr am Hanseatenweg.
Samstagabend kommt Verdis Otello wieder auf die Bühne der Deutschen Oper. Die Tatsache, dass dieses Stück ein so weites Feld aufspannt, dass es hier unmöglich adäquat behandelt werden kann, führt uns prompt weiter in die Sophiensaele.Dort ist das Nichtwissen nämlich gerade Programm. Die Berliner Regisseurin Nele Stuhler hat sich mit Christa Wolf und ihren Texten über das Nichtwissenauseinandergesetzt und dabei sicherlich festgestellt, dass auch das ein zu weites Feld für jegliche abschließende Behandlung darstellt. Im Bereich des Nichtwissens liegen nämlich, nur zum Beispiel, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Weshalb auch ihr Stück „Keine Ahnung“ an dieser Stelle nur angerissen, erst am Abend aber vollends nichtverstanden werden kann.
Sonntagmorgen – Noch vor knapp drei Jahren attestierte die Zitty dem NeuköllnerKranoldplatz den Status eines der letzten Ressorts des menschenleeren, stillen und verwunschen alten Einflugschneisen-Neuköllns – und das trotz des ebenda bereits etablierten Wochenmarkts und der „Dicken Linda“. Sie prophezeite auch bereits, dass es mit der Ruhe bald vorbei sein könnte. Nun, mit reichlich Trödel, Kleidung, Kunst, Musik, Büchern, Essen und Trinken, verteilt auf etwa 80 Stände, eröffnet heute hier ein neuer Flohmarkt. Und bildet wohl, begleitet von einer Performance von Paul Arámbula, das Requiem auf jegliches Anno Dazumal – einen gewissen nostalgischen Unterton wird dieser Musik wohl niemand absprechen wollen. Was nicht heißen will, dass damals irgendwas besser gewesen wäre – sie tönt doch wesentlich angenehmer als der damalige Fluglärm. Ab heute im Zweiwochen-Rhythmus von 11 bis 18 Uhr.
Sonntagmorgen – Bei allem Wandel und Neuen gibt es auch Bewahrenswertes in der Hauptstadt. Wie fragil etwa die Verbindung von Mensch und Haustier sein kann, erfahren viele, die eine Arbeit verlieren oder aus anderen Gründen in finanzielle Not geraten. Selbst einen Goldfisch muss man sich leisten können. Beim Verein Tiertafel wird in Not geratenen Tierhalterinnen mit ehrenamtlich aufgetriebenem Tierfutter und Zubehör unter die Arme gegriffen. Der neue Standort von Verein und Ausgabestelle ist allerdings noch nicht bezugsfertig und für jede ab 11 Uhr anpackende Hand ist man dort äußerst dankbar.
Sonntagmittag – Spirituell stimulierendes Potenzial hat das Mittagsprogramm: Innerlich nervös aber nach außen regungslos in die Ferne des Tempelhofer Feldes starren, über dessen Asphaltbahnen sich das Licht in der Hitze bricht. Nur eine Augenbraue zuckt ab und an unvorhersehbar unter dem Einfluss von Koffein und lässt die Welt erzittern. Hintergrund: Nicht nur der interessantere Tango kommt aus Finnland. In der selbsternannten Riviera Neuköllns dreht sich heute alles um den Espresso. Und den macht kaum jemand besser als die beiden Finnen Kaisa Kokkonen & Jarno Peräkylä, immerhin mehrfach und weltweit ausgezeichnete Baristas. Die gastieren, mit den allerfeinsten Bohnen im Gepäck, im Palsta, am Rande der ewigen Weiten des Tempelhofer Feldes, und verkosten Variationen koffeingetriebener Nervospektion.
Der Sonntagabend gehört Filmemacher Fritz Lang, der heute weder Geburtstag noch sonst ein bekanntes Jubiläum begeht. Das Kino Babylon zeigt um 19.30 Uhr sein Epos Metropolis – und dafür bedarf es in Berlin tatsächlich keines Anlasses – mit Live-Orchester-Begleitung aus dem Graben, dirigiert von Marcelo Falcão. Auch Komponist Moritz Eggert hat sich eines Lang-Stoffes angenommen und seinen 1931er Stummfilm „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ als Opernsujet aufgefasst und vertont. Von Stummfilm zu Stummfilm mit Musik zu Stummfilmmusik, die keinen Film mehr braucht – wenn das kein emanzipatorischer Akt ist! Und zwar genau ein Akt, nur einen hat nämlich auch diese Oper. Komische Verknüpfungenhier. Komische Oper, 19 Uhr, Karten ab 12 Euro.