Antkriegslyrik, Eckige Klänge und ein Gerichtstheater
Samstagmorgen – Antikriegslyrik hat in Deutschland eine traurige Tradition. Wer hätte gedacht, dass dieses Genre noch zu unseren Lebzeiten wiederaufleben würde? Gedichte zur aktuellen Lage sammelt der Berliner Trabanten Verlag über einen eigens dafür eingerichteten Instagram-Account. Wer also nicht nur lesen, sondern der Welt auch selbst mitteilen will, was ihm in Sachen Krieg und Frieden auf den Nägeln brennt, findet hier einen Kanal – und darf hoffen, mit seinem Beitrag am Ende in die Auswahl derer zu gelangen, die in einem Lyrik-Sammelband abgedruckt werden.
Samstagmittag – Wer der Worte überdrüssig ist, begibt sich ins Radialsystem. Die Klanginstallation Myriad II der britischen Komponistin Rebecca Saunders besteht im Wesentlichen aus 2.464 Spieluhren, die allesamt verschiedene Stücke auf ihren Walzen tragen: Kinder- und Volkslieder, Klassisches und Popsongs. Der Clou: In der Installation klingen sie alle zusammen – ihre Töne werden so zu immer neuen Melodien, Harmonien und Clustern rekombiniert, deren Menge möglicher Klänge gegen unendlich läuft. Wer schon mal das Zirpen tausender Grillen, etwa auf Kreta, gehört hat, bekommt eine ungefähre Vorstellung von der möglichen Kraft solchen Zusammenklangs – den Komponisten Yannis Xenakis beflügelte dieser Eindruck seinerzeit zu ganz neuen Kompositionstechniken. Ab 14 Uhr ist die Installation zu hören. Ab 15 Uhr kommen im Stundentakt Musiker:innen hinzu, die bei laufender Installation Partituren der Komponistin aufführen und so endgültig ein Plädoyer für Zusammenklang und das Aushalten von Spannungen liefern.
Samstagabend – Ganz andere Klangwelten eröffnen Mya Dyberg und Matthias Müller mit einer von den beiden kuratierten Reihe bei Au Topsi Pohl (Pohlstraße 64, U-Bhf. Kurfürstenstraße), die heute Abend mit einem Abschlusskonzert endet. Als Säulen der Berliner Free Jazz– und Neuen Impro-Szene, glänzen die Saxophonistin und der Posaunist nicht nur im Duett, sondern können für so eine Reihe natürlich aus einem reichen Pool hervorragender Musiker:innen schöpfen. Heute Abend stehen mit ihnen Tom Arthurs (Trompete), Antti Virtaranta (Bass) und Christian Marien (Schlagwerk) auf der Bühne. Außerdem, apropos andere Klangwelten, laufen die Clubs wieder fast im Normalbetrieb – welche Regeln noch gelten, hat Robert Kiesel hier zusammengefasst.
Sonntagmorgen – Spielen und Krieg, wie geht das denn zusammen? Im FEZ, zum Beispiel, wird es mit einer Hilfsaktion verbunden. Zwischen Samstag und Dienstag von jeweils 11 bis 14 Uhr und von 15 bis 18 Uhr werden vor dem Hauptgebäude (Straße zum FEZ 2) Sach- und Geldspenden gesammelt, die anschließend von FEZ-Mitarbeiter:innen an Bahnhöfen an ankommende Geflüchtete aus der Ukraine weitergegeben werden sollen.
Sonntagmittag – Es war einmal, vor langer Zeit, als alle Lautsprecher mono waren: Aufnahmen selbst ganzer Orchester wurden von einer einzigen, punktuellen Schallquelle wiedergegeben. Die Zeit brachte Stereo, Quadrophonie und Mehrkanal-Systeme, die mit der sogenannten Wellenfeldsynthese einen Höhepunkt erreichten – ein vom Frauenhofer Institut entwickeltes System mit 2700 einzelnen Lautsprechern im Raum ist etwa an der TU Berlin zu hören; ab und an werden dafür spezielle Kompositionsaufträge vergeben. Bestens vertraut mit all diesen Techniken ist auch Martin Supper, ehemaliger Leiter des UNI.K Studios für Klangkunst und Klangforschung der UdK Berlin. Seine Antwort auf die Geschichte der Klangerzeuger ist ein mit acht in verschiedene Richtungen abstrahlenden Lautsprechern ausgestatteter Oktaeder, der eine besonders enge Beziehung zu seinem umliegenden Raum entwickeln soll. Um 16 Uhr eröffnet seine Ausstellung im CLB am Moritzplatz mit einer Performance der Klarinettisten Jürgen Kupke und Thorsten Müller, die mit den Klängen vom Oktaeder interagieren sollen. Eine anschließende Gesprächsrunde rundet das sechseckige, zwölfkantige und achtflächige Programm ab.
Sonntagabend – Man kennt es: Wer gerne öffentliche Gerichtsverfahren mitverfolgt (wer nicht?), ist Sonntags natürlich arm dran. Die Amtsgerichte haben allesamt zu und das Fernseh- oder Streamingprogramm bietet keinen echten Ersatz. Wie gut, dass die Macher vom Theater Verlängertes Wohnzimmer (Frankfurter Allee 91) an uns denken und ein Stück zur Uraufführung auf die Bühne bringen, das zum hierzulande üblichen Gerichtsgedöns etwas Abwechslung schafft. Und zwar mit Geschworenen. Jawohl, ein Geschworenengericht in Berlin 2022. Es geht um ein Kapitaldelikt, Migrationshintergrund, Vorurteil und Vorverurteilung. Tickets kosten 13 / 9 Euro.