Elefanten im Raum und peinliche Eltern
Samstagmorgen – Raumfragen betreffen bekanntlich nicht nur Menschen mit Inneneinrichtungs-Vorhaben, sondern schwingen auch in so mancher unrühmlichen Geschichte mit. Wer kein Freund langer, bequemer Einleitungen ist und sich gleich zum Wochenendanfang ein wenig fordern mag: Um 10 Uhr öffnet die Ausstellung „Spuren des Kolonialismus“ in der Schwarzschen Villa in Steglitz. Im MONOM (Funkhaus, Nalepastraße 18) geht es um 10 Uhr in einem Workshop ums künstlerische Arbeiten mit Raumklang – wer kein Ticket (Preis um 100 Euro) mehr ergattert: Am 5. Februar gibt es noch eine Gelegenheit. Anwendungsbeispiele für derlei Arbeit werden in der kommenden Zeit auch die Festivals CTM und Transmediale bieten. Ebenfalls im MONOM gibt es dazu heute Abend ein mehrstündiges „Vorspiel“.
Samstagmittag – Einen Blick hinter die Kulissen von Kulturräumen bietet um 15 Uhr die Neuköllner Perlen Spielstättentour. Die freie Theatermacherin Janette Mickan führt dabei durch den Heimathafen und das Tatwerk (beide in der Karl-Marx-Straße) und stellt Geschichten und Arbeitsweisen der beiden Rixdorfer Häuser vor. Die Anmeldung per E-Mail an reservierung@theaterscoutings-berlin.de ist zur Teilnahme obligatorisch.
Samstagabend – Selbst, wenn sie körperlich gar nicht anwesend sind, sind sie manchmal da: Die Rede ist von Sprichwort-Elefanten, die bekanntlich eine ganz besondere Beziehung zum Raum pflegen. Der Elefant im Raum in der Auguststraße 21 ist allem Anschein nach weiß, heißt Jens und gebraucht, statt eines laut törööö-enden Rüssels, diverse Ratschen-Apparaturen, um die unbequeme Stille zu durchbrechen, für die ein Elefant im Raum berüchtigt ist. Stille herrscht zunächst von 13 bis 19 Uhr in der Ausstellung „Magie der Form“ von Ines Doleschal & Elgin Willigerodt. Um 20 Uhr beginnt dann die Klang-Performance des Medienkünstlers Jens Brandt in der „Galerie Weißer Elefant“, der Eintritt ist frei.
Sonntagmorgen – Welche Elefanten wer in welchen Räumen so wahrnimmt, ist übrigens stark perspektivabhängig. Der Dostojewski zugeschriebene Ursprungselefant, der die historische Vorlage des Spruchs bilden soll, wird im Roman „Die Dämonen“ erwähnt und vom Protagonisten gar nicht wahrgenommen. Aber zurück zur Gegenwart: In einer Zeit voller Technikeuphorie, in der ein iPhone-Hype direkt den nächsten ablöst, sieht Regisseur Jens Maurer den Elefanten im Verlust des „Echten und Greifbaren„. Dass er damit längst nicht allein steht, sieht man etwa an Trends zu Vinyl und analoger Fotografie. Auch sein Film „An impossible Project“ handelt von der Widerständigkeit einer kleinen Idealist:innengruppe um den exzentrischen Helden Florian „Doc“ Kaps, der im Jahr 2008 sein gesamtes Vermögen riskierte, um die letzte Polaroid-Fabrik der Welt vor dem Aus zu retten. Um 11 Uhr läuft der Film im Kino delphi LUX (Yva-Bogen, Kantstraße 10) in Anwesenheit des Regisseurs, der bei der Gelegenheit sicher auch das ein oder andere Wort dazu sagen wird.
Sonntagmittag – Eine Spur dieses Trends lässt sich auch im „Modular Organ System“ von Phillip Sollmann & Konrad Sprenger ausmachen. Die Klanginstallation der beiden im Silent Green Kulturquartier (Gerichtstraße 35) tönt – statt mithilfe der neuesten Lautsprechertechnologie, wie es die Künstler etwa aus der Anlage im Berghain gewohnt sind, über verschiedenartige Orgelpfeifen, die allesamt ganz traditionell von Gebläsemotoren angetrieben werden. In wechselnden Besetzungen, mit einer Reihe von Gastmusiker:innen, bespielen sie bis 30. Januar die Betonhalle des ehemaligen Weddinger Krematoriums.
Sonntagabend – Fragt man übrigens Jugendliche, wer tendenziell gar kein Gespür für Elefanten im Raum hat, dürfte die Antwort vieler lauten: Peinliche Eltern. Dass auch Eltern dasselbe über ihre Kinder sagen könnten, es aber aus Rücksicht auf die fragilen jugendlichen Egos nicht tun, versteht sich von selbst. Außerdem: Wer will sich schon zu peinlichen Kindern bekennen? Die bleiben folglich als tabuisierter Elefant bestehen, während peinliche Eltern etwa bei Regisseurin Maren Ade zu mehr als brauchbaren Protagonisten werden. So auch Toni Erdmann. Der nach dem peinlichen Vater benannte Film läuft zum Wochenendeende um 19 Uhr im thf-cinema.