Wo Sie meditieren, auf Tauchstation gehen und die Zukunft mitgestalten können
Samstagmorgen – Sammeln wir uns erstmal, es ist Wochenende. Zum Beispiel im Sitzen bei gleichmäßigem Atem, alles Denken loslassend. Meditation – hierzulande gerne werbewirksam verklärt, aber das soll uns nicht weiter kümmern – ist kein schlechter Start in den Tag und genau genommen die eigentlichste aller Aufgaben – wenn Aufgabe vom Aufgeben kommt. Perfektioniert wurde das Loslassen längst im fernen Osten. In Japan zum Beispiel heißt die höchste Stufe Zazen (座禅). Und natürlich gibt es auch in Berlin Dōjōs, die fachkundige Anleitung bieten. Beispielsweise das Akazien-Zendo oder Kwan Um Zen. Dort wird auch online gemeinsam gesessen und geatmet.
Samstagmittag – Wenn sie auch ganz andere Probleme hatten, hatten es Impressionist:innen Anfang des 20. Jahrhunderts doch verhältnismäßig leicht, Immersion, also ein sinnliches Eintauchen des Publikums ins Werk, allein durch Bilder oder Klänge zu erreichen. Fragt man den heutigen Nachwuchs, werden die alten Formen schon mal als langweilig empfunden, seit sie in Konkurrenz zu 3D-Computerspielen und rasant geschnittenen Blockbustern stehen. Kunst braucht eben Zeit – oder eine Inszenierung als multimediales Musikspektakel. In der Schaubude lässt Videokünstlerin Katharina Wibmer ein Konzert des Klavierduos Jost Costa im Zuge eines „cinematischen Kinder-Musik-Theaters“bildlich ins Wasser fallen. Passenderweise bietet das Klavierduo währenddessen Debussys „La Mer“, also „das Meer“, dar. Das submarine Bühnenbild von Meinhardt & Krauss lässt das Geschehen dann gänzlich zu (Meeres-)Grunde gehen. Meeresgeflüster läuft im kinderfreundlichen Stream von 15 bis 19 Uhr, Tickets gibt es ab 5 Euro.
Samstagabend – Aber nicht nur die Musik braucht Zeit. Bis Gegenwart Geschichte, also rückblickend eingeordnet, reflektiert und geschrieben wird, muss auch Zeit vergehen. Und wann sollte das besser gehen, als im vergleichsweise unterstimulierenden Lockdown-Alltag? So hat sich auch Ulrich Peltzer mit seinem gerade erschienenen Roman Das bist du (S. Fischer, Frankfurt/M. 2021. 288 S., 22 Euro) der Berliner Achtzigerjahre angenommen, der Einraumwohnungen mit Ofenheizung, Amphetaminen und der letzten großen Verausgabung vor dem Internetzeitalter. Mit der Kunsthistorikerin Tanja Michalsky, dem Filmkritiker und Publizisten Ekkehard Knörer und Moderatorin Maike Albath spricht Peltzer um 20 Uhr im Studio LCB über das damalige Lebensgefühl einer Stadt, die es heute nicht mehr zu geben scheint. Die Übertragung beginnt um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk.
Sonntagmorgen – Auch Ausstellungsbesuche sind bekanntlich am besten, wenn man sich für einzelne Exponate wirklich Zeit nehmen kann. Da das im Alltag, und vielleicht gerade in Online-Ausstellungen nicht immer ganz leicht ist, feiert heute mit dem Shared History Museum ein dramatisch entschleunigtes Ausstellungskonzept Premiere – und zelebriert damit 1700 Jahre jüdischen Lebens im deutschsprachigen Raum. Diese Zeitspanne wird anhand von 58 Objekten nachvollzogen, die in chronologischer Reihenfolge und, eines nach dem anderen, im Wochenrhythmus präsentiert werden – macht eine Woche Betrachtungs-, Nachdenk- und Lesezeit pro Exponat. Entsprechend umfangreich soll das zu jedem Stück zusammengetragene Material ausfallen. Den Start macht heute ein Edikt von Konstantin dem Großen aus dem Jahre 321, das Juden erstmals Ämter in der städtischen Verwaltung in Köln zugestand.
Sonntagmittag – „Die Zukunft ist sicher, nur die Vergangenheit ist unvorhersehbar.“ So in etwa lautet ein alter sowjetischer Witz, der auf das ewige Versprechen von Prosperität (sichere Zukunft) und die damals übliche propagandistische Neuschreibung der Geschichtsbücher abhebt. Nicht witzig ist das Vorhaben, die durchaus vorhersehbare, aber nicht in Stein gemeißelte Zukunft von Menschen auf der Flucht, sowie Kulturschaffenden angesichts des Stillstands im Kultursektor und zugleich erstarkender nationalistischer, autoritärer Tendenzen (um-) zu schreiben. Das Berliner Künstlerprogramm des DAAD, das Maxim Gorki Theater, das Cities of Refuge Network und die Allianz Kulturstiftung veranstalten dazu das online Festival Re:Writing the Future, bei dem Kulturschaffende wie Swetlana Alexijewitsch, Herta Müller, Rasha Nahas, Aslı Erdoğan und Milo Rau Wege zu alternativen Zukünften erforschen.
Sonntagabend – Seit über einer Dekade tönt es immer wieder sonderbar in der Neuköllner Weichselstraße 49, denn ebenda haben die Klangkünstler:innen Katharina Moos und Knut Remond ihren einzigartigen Geräuschladen gegründet. Das Ohrenhoch ist Raum für Ausstellungen und Workshops mit Klangkünstler:innen, Klangtüftler:innen und vor allem Kindern. Im Lockdown ist es still darum geworden. Aber nicht ganz, denn von 14 bis 21 Uhr beschallt Remond heute den Bordstein vor dem Laden. Auf dem Boden sind exakt drei ideale Hörpositionen markiert, die zudem die Einhaltung der Abstandsregeln sicherstellen. Sollten die gerade besetzt sein, empfiehlt sich zum Wochenendeende der Spaziergang zum nahen Weichselplatz und weiter am Weigandufer entlang. „Kinhin“ (経行) heißt übrigens die Meditation im Gehen, die buddhistischen Mönchen einen Ausgleich zum Zazen bieten soll.