Berlins zweitbeliebtestes Wappenzeichen nach dem Bären war bisher der Bierdeckel: Bernd Besoffski lässt darauf bei seinem Lieblingswirt anschreiben, der Finanzsenator bei den Banken, und sogar das komplette Marketingkonzept der Stadt hat darauf Platz: „Berlin bleibt anders“. Doch jetzt bekommt der Bierdeckel Konkurrenz – vom Mietendeckel. Ein Vorschlag dazu von Senatorin Katrin Lompscher hat die Stadt dermaßen erhitzt (gestern auf fast 35 Grad), dass heute im Abgeordnetenhaus ein heftiges Gewitter erwartet wird. Das schauen wir uns hier natürlich in einem kleinen Special schon mal genauer an - und gleich unsere erste Meldung könnte die Koalition einer Klimakatastrophe näherbringen. Ob auf dem Mietendeckel auch politische Schulden angeschrieben werden, muss sich dann zeigen:
Politischen Sprengstoff birgt ein Papier zur Wohnungspolitik, das in der SPD und der Verwaltung kursiert und dort erregt diskutiert wird – die acht Seiten unter dem harmlos wirkenden Titel „Mietendeckel - Einige Hinweise“ offenbaren viel Insider-Wissen aus der Behörde und zeichnen ein verheerendes Bild der Vorbereitung auf den größten staatlichen Eingriff in den Wohnungsmarkt, den es in der Bundesrepublik je gab.
Hier exklusiv zusammengefasst einige Auszüge:
„Zur Bearbeitung“:
1) Angeblich halten alle mit der Materie befassten Juristen der Verwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen (SenSW) den Mietendeckel für rechtswidrig.
2) Eine rechtliche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Gutachten fand nicht statt.
3) Das Eckpunktepapier stammt nicht aus der Verwaltung, sondern wurde direkt politisch erarbeitet.
4) Es wurden keine Stellungnahmen anderer Verwaltungen eingeholt (Justiz, Wirtschaft, Finanzen): „Deren Schweigen ist politisch gefährlich“.
5) Die weitere Bearbeitung erfolgt an der Verwaltung vorbei.
„Was bisher nicht untersucht wurde“:
1) ob die sachlichen Voraussetzungen für einen Mietendeckel vorliegen – noch im Mai hieß es in einem internen SenSW-Papier: „Die gegenwärtige Situation rechtfertigt ein generelles Aussetzen von Mieterhöhungen nicht.“
2) ob eine „verordnete Vermögens-Entwertung“ rechtmäßig ist.
3) ob verordnete Mietsenkungen gegen das Rückwirkungsrecht verstoßen.
4) ob die Modernisierungsbindung rechtmäßig ist.
5) ob die formale Gleichbehandlung aller Eigentümer und Mieter nicht „eine unzulässige Ungleichbehandlung“ darstellt und ein „Verstoß gegen das Übermaßverbot“ vorliegt.
6) ob die Maßnahmen tatsächlich zu einer Marktentspannung führen oder das Ziel nicht sogar verzögern oder verhindern.
7) ob Mietsenkungen „eine extensivere Bestandsnutzung bestärken, also bedarfserhöhend wirken.“
8) ob „ein Deckel-Erfolg“ nach der beabsichtigten Aufhebung 2025 „durch sprunghafte Mieterhöhungen politisch zerstört“ wird.
9) Ob oder wie Verwaltung und IBB den erheblichen Mehraufwand stemmen können.
Interessant ist auch die „Politische Bewertung“ (S. 7 u. 8):
1) Bei der Verbände-Anhörung wird keine größere Rechtssicherheit erreicht, weil es dort „Interesse an einem schlechten, weil angreifbaren Gesetz“ gibt.
2) Der Linken würde ein juristisches Scheitern nicht schaden, „weil sie auf das unzulängliche ‚herrschende System‘ verweisen würde“.
3) Für die SPD würde das Scheitern „ein weiterer Sargnagel sein, weil sie als ‚Erfinderin‘ des Deckels gilt und „als kommunalpolitische Versagerin dastehen würde“.
4) Für die Grünen wäre ein Scheitern „ebenfalls negativ“, weil sie mit den Ressorts Justiz und Wirtschaft beteiligt sind und für ihren Anspruch als führende Partei „nicht die genügende Kompetenz aufbringen“.
„Schlussfolgerungen“:
1) „Das Projekt Mietendeckel muss ab sofort politisch und fachlich völlig anders angegangen werden als bisher. Zielkonflikte, Folgen und Nebenfolgen müssen sachkundig, ehrlich und transparent beschrieben werden.“
2) „Der Mietenspiegel muss als Projekt des gesamten Senats begriffen werden und den bisher zu eng angelegten Ressortaktivitäten entzogen werden.“
Soweit die Auszüge aus dem o.g. anonymen Insider-Papier zur bisherigen Vorbereitung.
Wir haben Linken-Fraktionschef Udo Wolf gefragt, wie es weitergeht – hier seine Antworten in Stichpunkten (Auszüge; ausführlich heute im Tagesspiegel – Achtung, zwischendrin wird es lyrisch):
„Wir führen wichtige Verhandlungen zu einem zentralen Projekt von R2G, öffentliche Dispute zwischen den Koalitionspartnern drohen diese kaputt zu spielen.“
„Wir halten an Vorhaben und Verfahren fest.“
„Wir lassen uns nicht mehr erpressen. Im Frühjahr hat die SPD von uns einen Entwurf gefordert, schnellstmöglich. Wir haben eine Ressort-übergreifende Arbeitsgruppe vorgeschlagen, darauf warfen uns einige Sozialdemokraten Verzögerungstaktik vor.“
„Es ist ein Papier mit einer Tabelle und Hinweisen geleakt worden, kein Referentenentwurf. Welche Mietobergrenzen letztlich im Gesetzesentwurf stehen, werden wir sehen.“
„Dass kleine Vermieter auf Grundlage von Falschinformationen in Panik geraten, verwundert mich nicht. Das Gesetz wird Regelungen enthalten, die wirtschaftliche Unzumutbarkeiten und Härtefälle regeln.“
„Ich rede hier mögliche und sinnvolle Regelungen nicht kaputt, indem wir öffentlich die tausend Blumen der Meinung in der Koalition blühen lassen, die durch öffentlichen Streit alle auf dem Wegesrand verblühen werden.“
„Hinweise von Vermietern nehmen wir ernst. Wir müssen im Detail prüfen, was ist Ideologie, was Psychologie, und wo ist eine wirtschaftliche Notlage zu befürchten oder ein Investitionshemmnis.“
„Gemeinwohlorientierte, kleine und soziale Vermieter dürfen nicht mit unzumutbaren Härten belastet werden. Wer aber den Deckel will und 1,5 Millionen Haushalte vor Mieterhöhungen schützen will, weiß, dass das auf Vermieterseite gespürt werden wird.“
„Es muss abgewogen werden zwischen dem Grundsatz der gleichen Behandlung aller Vermieter und dem erwünschten politischen Zweck, den Mietenmarkt gerechter zu regulieren.“
„Bislang werden immer nur die Mieter ungerecht behandelt.“
„Wir sollten in der Koalition mehr über die Inhalte als übereinander reden.“
Soweit Linken-Fraktionschef Udo Wolf.
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Unterdessen beharkten sich bei Twitter die Koalitionsabgeordneten Tobias Schulze (Linke) und Andreas Otto (Grüne) über die Frage, ob die Mietendeckel-Debatte Klassenkampf-Charakter hat – Auszüge:
Schulze: „Ich verstehe auch nicht, warum immer noch so viele Kommentator_innen vom Ende des Neubaus reden. Neubau ist vom Mietendeckel explizit ausgenommen!“
Otto: „Einen Neubau zu planen, zu errichten, zu bewirtschaften und die Kredite abzuzahlen benötigt eine sichere Perspektive von ca. 30 Jahren. Ohne Enteignungsdebatten und Vertragseingriffe, die in die Pleite führen. So eine sichere Perspektive strömt unsere Koalition leider nicht aus.“
Schulze: „Wir regieren noch 30 Jahre? Dein Wort in Gottes Ohr!
Abgesehen davon: Wir sind auch gewählt worden, um dem Mietenwahnsinn etwas entgegen zu setzen. Etwas Wirksames. Über die Details können wir gern streiten.“
Otto: „Absolut. Nur geht es mir dabei mehr um den atmenden Deckel, der den Wahnsinn stoppt. Weniger um Klassenkampf.“
Schulze: „Dass es dabei um Klassenkampf geht, ist ein interessegeleiteter Spin. Es geht um Rechtssicherheit.“
Otto: „Nach meiner Beobachtung gibt es sehr vielfältige Interessen und Äußerungen. Ist auch alles erlaubt. Ich befasse mich weniger mit irgendwelchen Spins als vielmehr mit nachhaltiger Politik.“
Schulze: „Gut, dann überlassen wir den Begriff Klassenkampf mal unseren Kritikern?“
Otto: „... und den Klassenkämpfern.“
Zum Abschluss unserer heutigen Sendung „Mieten, Streiten, Wohnen“ noch ein Blick auf den „Homeday Preisatlas“, der die Durchschnittsmieten in den 96 Berliner Ortsteilen untersucht hat (Q II 19) – das für die Deckel-Debatte relevanteste Ergebnis: Nur in vier Berliner Kiezen liegen die Mieten unter der geplanten Obergrenze von 7,97 Euro – in Hellersdorf (7,90), Falkenberg (7,50), Marzahn (7,30) und Wartenberg (7,20). Wenn wir die Tabelle von oben betrachten, sehen wir, wo die drastischsten Mietsenkungen zu erwarten sind: in Tiergarten (14,00), Friedrichshain (13,60), Grunewald und Rummelsburg (13,00), Moabit und Hansaviertel (12,60) sowie in Dahlem (12,40).
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Und wie geht’s dem Regierenden Bürgermeister? Der hat, wie zu hören war, trotz angespannter Lage auf dem Wohnungsmarkt ein neues Zuhause gefunden. Die vergangenen Tage verbrachte er allerdings in Peking, Senatssitzung und Koalitionsausschuss zum Mietendeckel fanden ohne ihn statt, dafür gab er aus der Ferne eine längere Erklärung zur Schwangerschaft einer Berliner Prominenten ab:
„Mit großer Freude habe ich hier in der chinesischen Heimat der Pandas die tolle Nachricht aus dem Zoo erhalten, dass Meng-Meng schwanger ist. Das Daumendrücken der Berliner Tierfreundinnen und Tierfreunde wurde belohnt. Das schlagende Herz des Panda-Embryos auf dem Ultraschall ist ein gutes Zeichen. Jetzt hofft ganz Berlin auf ein schwarz-weißes Happy-End. Dafür wünschen wir Andreas Knieriem und seinem Zoo-Team alles Gute.“
Allerliebst… Bevor er vergangene Woche abhob, hatte der Regierende aber mal wieder gar keine große Freude – hier unter diesem Link können Sie nochmal einen heimlichen Blick hinter die Kulissen werfen.
Aber was war bloß geschehen? Ok, hier die ganze Geschichte: Als Rechtsanwalt und Checkpoint-Gastautor Christian Schertz (bekannt aus der Serie „Gegendarstellung“) per dpa die Trennung von Ehepaar Müller bekannt machte, hatten wir ein paar Fragen: Wer beauftragte den Anwalt – die Privatperson Michael Müller oder der Regierende Bürgermeister? Und wer bezahlt ihn? Ist Christian Schertz weiterhin für die Senatskanzlei tätig? Und welche Kosten wurden dafür bisher fällig? Vertritt er dienstlich oder privat noch andere Mitarbeiter im Roten Rathaus? Wie können eventuelle Interessenkollisionen ausgeschlossen werden?
Journalistischer Kleinkram, Routine, einfache Fragen, öffentliches Interesse. Eingang der Mail am nächsten Morgen. Die unmittelbare Folge? Siehe oben (Details aus Jugendschutzgründen zensiert). Die Fortsetzung: Direkt danach ließ Müller ein seit Langem mit uns für genau diesen Tag um 14 Uhr verabredetes Interview zur Wissenschaftspolitik platzen – ohne Angabe von Gründen. Tja, da müssen Sie leider noch ein wenig warten auf die Erfolgsbilanz des Regierenden Wissenschaftssenators. Wir haben die unverhofft freie Zeit unterdessen für eine kleine Straßenumfrage genutzt (lebendiger Lokaljournalismus!) – hier das Ergebnis:
„Wie jedes gegen sich selbst einen Bezug hat, so muss es auch gegen andere ein Verhältnis haben.“ (Johann Wolfgang von Goethe)
„Zusammenhänge nehmen dem Erlebnis die persönliche Giftigkeit oder Süße.“ (Robert Musil)
„Wer anderen gar zu wenig traut, hat Angst an allen Ecken; wer gar zu viel auf andre baut, erwacht mit Schrecken.“ (Wilhelm Busch)
„Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“ (Joachim Ringelnatz)
Es kommentiert unser Kolumnist Otto von Bismarck: „Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der Herren Professoren sich einbilden, sondern eine Kunst.“
Ach ja, fast vergessen – die Antworten auf unsere Fragen:
„Die Senatskanzlei hat weder Rechtsanwalt Schertz noch dessen Kanzlei ein Mandat in o.g. Angelegenheit erteilt.“
„Die Senatskanzlei hat private Entscheidungen nicht zu bewerten.“
„Die Anwaltskanzlei Schertz/Bergmann ist eine in Berlin ansässige Rechtsanwaltskanzlei mit besonderer Expertise. Sofern diese Fach-Expertise benötigt wird, zählt Schertz/Bergmann zu dem Kreis der Kanzleien, die mandatiert werden.“
„Von den derzeit im Amt befindlichen vier Staatssekretären bzw. Staatssekretärinnen in der Senatskanzlei ist bisher lediglich Frau Staatssekretärin Chebli von der Rechtsanwaltskanzlei Schertz/Bergmann in dienstlichen Angelegenheiten beraten worden.“
Und hier die Vergütung, die Schertz/Bergmann der Senatskanzlei in den vergangenen Jahren in Rechnung stellte:
2016: 51.435,03 Euro
2017: 12.324,64 Euro
2018: 5.004,43 Euro
2019: 6.247,50 Euro
Interner Alarmbrief von Innensenator Andreas Geisel an alle Bezirksbürgermeister*innen (v. 28.8.) – es geht um die Situation in den Bürgerämtern. In ihren Richtlinien hatte die Koalition versprochen, dass alle Anliegen innerhalb von 14 Tagen erledigt werden können. Jetzt stellt Geisel fest, „dass sich nach einer Phase der Besserung die Bürgerämter derzeit von einer Stabilisierung des 14-Tage-Ziels weiter entfernen“. Die bittere Bilanz:
1) Die Chance auf eine Erledigung innerhalb der Frist lag „zeitweise bei unter 45 Prozent“.
2) Im Vergleich zum 1. Halbjahr 2018 „sank die durchschnittliche Terminverfügbarkeit um 16 Prozent“.
3) Mit Stand Juli 2019 waren in den Bürgerämtern 69 Vollzeitstellen unbesetzt – das ist rechnerisch die Besetzung „eines ganzen Bezirks“.
4) „Damit sind in den Bürgerämtern weniger Sachbearbeitende tätig als 2017“.
5) Wegen der Unterbesetzung werden „bis zu 14.000 Termine monatlich berlinweit“ weniger angeboten als nötig.
Geisel fordert von den Bezirken „zügig Maßnahmen“ und bietet Unterstützung an. Die Einhaltung des 14-Tage-Ziels „genießt für den Senat besondere Priorität“ – am 19. September will der Senator das Thema beim Rat der Bürgermeister besprechen.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Die Welt ist gerettet (fast jedenfalls): Great Thunberg erreicht klimaneutral New York, und die Bezirksverordneten von Neukölln beschließen „klimagerechte BVV-Unterlagen“ – alle Papiere sollen künftig doppelseitig bedruckt werden. Dazu auch folgender Hinweis: Wir versenden ab sofort einen klimagerechten Checkpoint (doppelseitig bedruckt) – schauen Sie mal bitte kurz auf die Rückseite Ihres Smartphones (Tablet geht auch) …
… ok, vielen Dank, Sie haben soeben an der größten Synchronhandgymnastikübung der Welt teilgenommen. Ihr Zertifikat können Sie gleich hier ausdrucken (aber bitte nicht einseitig).
Weitere aktuelle Maßnahmen zur Rettung der Welt (Ausgabe Berlin, heute auch Thema im Agh):
1) Die Linken (hier: MdA Michael Efler) wollen mit einer Art Quote Jahr für Jahr weiter die Zahl der Innenstadt-Parkplätze reduzieren, um die Leute zum Verzicht aufs Auto zu bewegen (steht 23 h am Tag rum). SPD dagegen, Grüne skeptisch.
2) Die SPD (hier: MdA Daniel Buchholz) will Inlandsflüge einstellen. Linke und Grüne äußern sich, wenn sie wieder gelandet sind (die Kasino-Strecke Baden-Baden – Berlin gibt Eurowings zum Flugplanwechsel übrigens freiwillig auf).
3) Die Grünen (hier: MdB Stefan Gelbhaar) wollen aus Gründen der Gerechtigkeit einen zusätzlichen Urlaubstag für Radfahrer („weil sie aktiver und gesünder sind“). Die SPD äußert sich, wenn sie einen Parkplatz gefunden hat, die Linke ist dagegen (Pankows Bürgermeister Sören Benn): „Mir fallen da noch ein: Kleingärtner, Fußgänger, Jogger und ich. Ich kriege drei Tage. Ich fahre Rad, jogge und mache jeden Tag früh Rückenschule. Und nein, es macht keinen Spaß.“
Das größte Problem scheint für viele Berliner*innen derzeit allerdings der gemeine Elektroroller zu sein. Die Massenhysterie ist angesichts der Mengenverhältnisse (weniger als 10.000 E-Scooter, mehr als 1,2 Millionen Autos) aber eigentlich nur mit einerÜberdosis Autoabgasen zu erklären – oder frei nach Rosa von Praunheim: Nicht der E-Scooter ist pervers, sondern die Situation, in der er fährt. Weitere Erklärungen dazu gibt’s hier.
Übrigens: „Chip“ hat den Scooter-Test gemacht (Lime, Circ, Bird, Voi, Tier) – die Ergebnisse gibt’s hier, (Spoiler: Es sind alle mindestens gut, und am besten ist Circ).
„Gewitter fällt aus“ ist eigentlich keine Meldung (schon gar nicht in Berlin, wo so allerlei ausfällt) – allerdings sind wegen des Gewitters, das dann ausgefallen ist, in Tegel 48 Flüge ausgefallen (und das ist dann schon eine Meldung wert).
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Erfinden, ausprobieren, experimentieren – darum geht es im Futurium Lab. Hier gibt es 3D-Drucker, Roboter und Lasercutter, um Prototypen für die Welt von morgen zu bauen. Mit Methoden aus der Zukunftsforschung und dem Design Thinking können Sie verschiedene Zukünfte erkunden und selbst gestalten.
futurium.de
„AfD-Landesparteitag fällt aus“ ist eigentlich auch keine Meldung – allerdings sind „Ausfallerscheinungen bei der Anmeldung“ als Begründung für den Reinfall originell genug, um hier vermerkt zu werden.
„Eine Straße, drei Massenschlägereien, mehrere Verletzte, zwei bekannte Clans, syrische und libanesische Geflüchtete, Friedensrichter. In Neukölln ist gerade Bambule“, berichtet „Morgenpost“-Kollege Alexander Dinger. Text inkl. Video dazu gibt‘s hier.
Zoff gibt’s auch um das neue Antidiskriminierungsgesetz, insbesondere um die „Vermutungsregel“ und die umgekehrte Beweislast – GdP-Sprecher GdP-Sprecher Benjamin Jendero spricht von Generalverdacht und meint, Justizsenator Dirk Behrendt „misstraut dem Öffentlichen Dienst mehr als der organisierten Kriminalität“. Behrendts Sprecher Sebastian Brux kontert: „Wir freuen uns, wenn ein Gesetzentwurf dazu führt, dass verschiedene Verwaltungen ihr bisheriges Verhalten auf mögliche Diskriminierung hin reflektieren.“ Da rufen selbst Vegetarier: „Beef!“
Eine echt krasse Geschichte hat Johanna Sprondel erlebt – ihr Sohn (12) meldete der Polizei, dass vor der Haustür fünf Jugendliche mehrere „Lidl“-Fahrräder demolierten und klauten. Zwischenergebnis: Kein Dank von niemandem, und „da er vor Angst, sie könnten ihn wiedererkennen, seit einer Woche kaum noch schläft, war‘s das mit Courage“. Und es kam noch schlimmer: Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihren Sohn wegen „falscher Verdächtigung“ – offenbar hatten sich die fünf anderen abgesprochen. Jetzt teilten ihr die Ermittler mit: Das Verfahren wird eingestellt – nicht etwa wegen erwiesener Unschuld, sondern wegen Strafunmündigkeit. Immerhin meldete sich die Polizei doch noch und fragte nach der Vorgangsnummer: „Wir würden uns das gerne mal anschauen.“ Wir auch - der Checkpoint bleibt dran.
In Berlin gibt’s nichts, was es nicht gibt– deshalb wird hier auch niemanden die Meldung „Neuer Fußballfeld zu klein“ wundern: Der Sportanlage an der Göschenstraße (Reinickendorf), gerade für 800.000 Euro aus der Bezirkskasse saniert, fehlen am Rand des Kunstrasens 1,90 Meter für die Platzreife – der Berliner Fußballverband verweigert die Zulassung. Wenn Sie ihn ordentlich mit Bier gießen, wächst er ja vielleicht noch. (Q: „Berliner Woche“)
Das Betriebsstörungsbingo kommt heute von der BVG - Durchsage heute um 16:30 am Zoo, U2 Richtung Ruhleben: „Leider können wir Ihnen heute nicht alle Fahrten anbieten! Wir bitten um Entschuldigung!“ Achtung: Nicht geeignet für die Rubrik „Berlin, aber Schnauze“. (Gehört hat’s Checkpoint-Leserin Ingrid Flik).
Dafür haben wir aber etwas aus der Kategorie „Gerümpel, aber glücklich“: Checkpoint-Leser Henning hatte „in einem etwas sehr patzigem Anflug“ über die ‚Müll Melden Seite“ auf die starke Verschmutzung der Treppenzugänge zur Bösebrücke an der Bornholmer Straße hingewiesen - und siehe da: Am nächsten Morgen war alles weg („Der Dank gebührt dem Orangenen Block“).
Sensation: „Dauerbaustelle am Berliner Flughafen beendet“, meldet Checkpoint-Laufgruppenchef Felix Hackenbruch – allerdings nicht am BER, sondern auf dem Tempelhofer Feld: Die Toiletten sind endlich eröffnet (zur Sicherheit steht aber auch noch ein Dixi-Klo direkt gegenüber).
Gute Gelegenheit, gleich auf den nächsten Lauf-Termin hinzuweisen: Am Sonnabend geht’s erstmals in den Volkspark Friedrichshain (war eine gaaanz knappe Abstimmung): Treffpunkt 11 Uhr am Zugang zum Märchenbrunnen. Wie immer mindestens zwei Gruppen (6 & 12 km), mit SCC-Lauftrainer, Auto für Wechselklamotten und Getränken danach.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„So zufällig ist das auch nicht…“
… sagte Kai Wegner gestern Abend beim „Runden Tisch“, nachdem der Abgeordnete Christian Gräff ihn angekündigt hatte mit den Worten: „Ich würde gerne Kai Wegner, dem baupolitischen Sprecher der CDU/CSU Fraktion und ‚zufällig‘ in Anführungszeichen auch Landesvorsitzender der CDU, das Wort geben.“
„Die SPD ist in ihrer DNA keine Partei, in der man eine Revolution veranstalten kann.“
Juso-Chef Kevin Kühnert erklärt, warum er auf eine Kandidatur für den Parteivorsitz verzichtet.
Tweet des Tages
Die größte Vereinbarkeits-Herausforderung ist weder das Kind noch mein Arbeitgeber, sondern das tägliche Rätsel, ob die S-Bahn fährt.
Stadtleben
Essen – Das Patrice entspricht ziemlich genau dem, was man sich unter einem französischen Restaurant in Wilmersdorf vorstellen würde.Schwarzweißfotografien an der Wand, bordeauxrote Tischdecken und sauber gefaltete Stoffservietten kreieren bereits auf den ersten Blick ein stilvolles, leicht gehobenes Ambiente. Sorgfältig ausgewählte Weine zieren die dunklen Wandschränke – und sobald sie entkorkt wurden und geatmet haben, begleiten sie ganz vortrefflich das Lammkotelett aus dem Karree oder die Weinbergschnecken in Kräuterbutter. Inhaber Patrice Guérin, Berliner mit französischen Wurzeln, setzt auf die Klassiker der Cuisine francaise und präsentiert auf seiner Karte stolz u.a. auch die „originale“ Fischsuppe à la Saint-Tropez, Wachtelbrust und Froschschenkel. „Ein Traum von einem Franzosen“, findet Checkpoint-Leser Urban B. und empfiehlt das Lokal in der Mainzer Straße 17 auch zum Verweilen und Weintrinken auf der idyllischen Terrasse. U-Bhf Bundesplatz, Mo-Fr ab 12 Uhr, Sa ab 17 Uhr
Trinken – Unter der Erde ist es naturgemäß kühler als oberhalb, wo die Sonne den schwarzen Asphalt aufheizt und die Hitze zwischen den Häuserblöcken steht. Gut, für das Berliner U-Bahnnetz gilt diese Weisheit nur bedingt. Deswegen geht's am U-Bahnhof Zwickauer Damm auch raus aus dem Schacht, in die Stubenrauchstraße, dann links in den Windenweg und rechts in den kurzen Levkoienweg. In der Nummer 21 steigt man wieder hinab in die kühlen Hallen von Rolf Stowassers Weinkeller. Er hat ein Stückchen Pfalz nach Rudow gebracht, sein Bio-Riesling und der Gewürztraminer kommen aus Bad Dürkheim und Flemlingen. Jeden Donnerstag von 17 bis 21 Uhr bietet er Weinliebhabern und Laien, die vor der Hitze flüchten wollen, Verkostungen an – zu kalt kann es einem also keinesfalls werden.
Berlinbesuch – Pfälzische Weine werden heute auch am anderen Ende der Stadt ausgeschenkt, beim Spandauer Altstadtfest nämlich. Das Dallas Berlins präsentiert sich bis Sonntag von seiner feierlustigen Seite und lädt neben Winzern und Weinexperten auch zahlreiche Rock-, Pop- und Jazzkünstler vor das Rathaus. Den Start macht um 15 Uhr die hiesige Rockband „Feedback Berlin“. Während sie die Stimmung schon mal aufwärmt, können sich Gäste entlang der Carl-Schurz-Straße von Stand zu Stand schlemmen, bevor es an die Weinstände geht. U-Bhf Rathaus Spandau
Geschenk – Bei gleichbleibenden zeitlichen und monetären Ressourcen schränkt Flugscham den Bewegungsradius zur Urlaubszeit erheblich ein. Ein Grund zur Traurigkeit muss das aber nicht sein – zumal man im besten Fall entsprechend seiner moralischen Überzeugungen handelt. Ein paar Tipps zur Reiseplanung schaden aber natürlich auch nicht. Dafür gibt es ab morgen das neue Tagesspiegel-Magazin „48 Stunden“, in dem 16 Städte vorgestellt werden. Die Ziele eignen sich perfekt für einen Tagesausflug oder ein langes Wochenende und ermöglichen einem die Erweiterung des unmittelbaren Horizonts. Denn Poznans Kunstszene, Bambergs Bierbrauer und Hannovers gemütliche Innenstadt-Cafés kommen einem vielleicht nicht als erstes in den Sinn, sind aber einen Besuch wert. Für Abonnenten verlosen wir heute drei Ausgaben (bis 12 Uhr) des „48 Stunden“-Magazins, das mit limitierter Auflage an den Start geht.
Last-Minute-Tickets ergattern Sie noch für „Das neue Babylon“, den Eröffnungsfilm des 10. Stummfilmfestivals. Die Vorstellung ist insofern besonders, da der provokante Streifen von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg nach 90 Jahren das erste Mal mit dervollständigen Filmmusik von Dimitri Schostakowitsch gezeigt wird. Kurz vor der Premiere in Leningrad im März 1929 wurde der Film über die Zerschlagung der Pariser Commune und das Paar Louise und Jean zensiert, sodass Film und Musik nicht mehr synchronisierten und die Premiere zum Flop wurde. In der Rosa-Luxemburg-Straße 30 flackert heute um 19.30 Uhr die komplette Fassung über die Leinwand, die anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe der musikalischen Ausführung übernimmt das Babylon Orchester unter der Leitung von Marcelo Falcão. Karten kosten 25 Euro.
Noch hingehen ins KW Institute for Contemporary Art (Auguststraße 69, S-Bhf Oranienburger Straße). Bis Sonntag wird dort noch die Dekonstruktion der Zeichnung von Heike-Karin Föll gezeigt. „Speed“ nennt sie ihren Versuch, Techniken von Zeichnung, Malerei und Schrift auf das Minimalste herunterzubrechen - den Strich. Dabei betrachtet Föll, Professorin für Zeichnung an der UdK, diese Mechanismen auch immer im Kontext des Digitalen und Zeitgenössischen. Der Eintritt kostet 8 Euro. Mo, Mi, Fr-So 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr
Maria Kotsev wünscht Ihnen einen schönen Donnerstag!
Berlin heute
Verkehr – Die Kreuzung Blücherstraße / Brachvogelstraße / Mittenwalder Straße (Kreuzberg) bekommt neue Ampeln, dafür ist die Fahrbahn auf der Blücherstraße jedoch in beiden Richtungen auf jeweils eine Spur verengt und die Anbindung Brachvogelstraße und Mittenwalder Straße ist gesperrt. Eine Umleitung – auch für den Radverkehr – wurde eingerichtet. Auch nur eine Spur gibt’s in Pankow auf der Mühlenstraße in beiden Richtungen Höhe Dolomitenstraße. Und weil die aufgrund ihrer Nähe zum Rechtsrock umstrittene Band Böhse Onkelz in der Waldbühne auftritt, muss mit erhöhtem Verkehrsaufkommen im Bereich Heerstraße und Olympische Straße (Westend) gerechnet werden.
Demonstration – Von 14-15 Uhr versammelt die IG Metall sich mit rund 150 Menschen in der Invalidenstraße zum „Protest für Einflussnahme des BMWI auf Handelsinstrumente der EU“. Zum „Internationalen Tag der Verschwundenen“ kommen zusammen mit Amnesty International in der Ulmenallee / Eschenallee von 15.30-17.30 Uhr rund 10 Personen zusammen. „Für ein neues Verkehrskonzept im Norden Pankows“ demonstriert der Verein für nachhaltige Verkehrsentwicklung ab 17 Uhr mit rund 250 Aktivisten, die sowohl an den Kreuzungen Schönhauser Allee / Kastanienallee und Kastanienallee / Friedrich-Engels Straße jeweils 30-minütige Sitzblockaden formieren. Und Am Kurfürstendamm 177 treffen sich von 17-20 Uhr rund 50 Teilnehmende und protestieren dafür, dass das „Syndikat bleibt!“.
Gericht – Weil er Überfälle auf Juweliere verübt und vor allem hochwertige Uhren geraubt haben soll, wird einem 27-Jährigen der Prozess gemacht. Ihm wird unter anderem ein Überfall am Kurfürstendamm mit einer Beute im Wert von fast 900 000 Euro zur Last gelegt (11 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 701).
Im Abgeordnetenhaus tagt heute ab 10 Uhr das Plenum zum 45. Mal in dieser Legislaturperiode. Interessierte können sich kurzfristig beim Besucherdienst anmelden.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Eva Cancik-Kirschbaum (54), Altorientalistin / Felix von Jascheroff (37), Schauspieler, Sänger und Synchronsprecher / Rainer Pottel (66), ehem. Leichtathlet in der DDR und ehem. Trainer / Rotraud Schindler (79), Schauspielerin und Komödiantin
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Dipl. Ing. Karl-Heinz Brieger / Elisabeth Frost, * 4. Mai 1928 / Dr. med. Ursula Giesen-Weber, * 20. Juli 1929 / Rudolf Kuhfeldt, * 14. Mai 1927
Stolperstein – Edith Löwenstein (Jhg. 1903) lebte in der Belziger Straße 39 in Schöneberg. Nachdem ihre Nachbarn am 13. Juni 1942 nach Riga deportiert wurden, nahm sich Löwenstein heute vor 77 Jahren das Leben, um einer Deportation zu entgehen.
Encore
Und jetzt müssen wir noch mal ganz stark sein: Trotz einer Flut von Postkarten und Mails von Checkpoint-Fans hat sich Norderney für Hanna Eschenhagen als neue Inselbloggerin entschieden – Team Checkpoint gratuliert herzlich! Aber wir bleiben dran, versprochen – und ein neues Lied haben wir auch schon (ok, ist ein bisschen von den „Ärzten“ geklaut, aber wer will schon nach Westerland…):
Oh wir ha'm solche Sehnsucht,
es ist noch nicht vorbei!
Wir wollen wieder an die Nordsee,
wir woll‘n zurück nach Norderney!
Wir sehen uns, und zwar schon bald!
So, jetzt ist erstmal Checkpoint-Ebbe für heute – morgen früh flutet dann Robert Ide Ihr Postfach. Bis dahin,