Die SPD hat mit Ministerpräsident Weil die Wahl in Niedersachsen gewonnen (+4,3 auf 36,9 %), für eine Fortsetzung der Koalition mit den Grünen (-5 auf 8,7) reicht es aber nicht. Die CDU (-2,4 auf 33,6) würden gerne mitregieren, die FDP (-2,4 auf 7,5) eher nicht. Die Linken bleiben draußen (+1,5 auf 4,6), die AfD kam auf 6,2 %. Auch in Österreich wurde gewählt, das vorläufige Ergebnis: ÖVP (31,4) vor FPÖ (27,4) und SPÖ (26,7) - der Rechts-Konservative Kandidat Sebastian Kurz wird voraussichtlich mit 31 Jahren der jüngste Kanzler der Alpenrepublik.
Der Air-Berlin-Flug AB 6210 von MUC nach TXL am 27.10. (Abflug 21.35, wie immer unter Vorbehalt) ist der letzte seiner Art - und ausnahmsweise ausgebucht. Zur Feier des Tages will die Flughafengesellschaft die Besucherterrasse bis zur geplanten Landung um 22.45 offen lassen: Es soll eine würdige Verabschiedung werden (Servicehinweis für die Fluggäste: Am besten ohne Gepäck anreisen). Vielleicht spielen sie als Soundtrack dann ja das bittere Liedchen, das die Mitarbeiter ihren Chefs gewidmet haben. Hier können Sie schon mal reinhören.
Hurra, es gibt mehr Geld - u.a. für den Kampf gegen Ambrosia (plus 150.000 Euro), die „Abfallberatung“ (besonders nötig in Neukölln), das „Mehrwegbechersystem“ sowie für „Initiativen zum gemeinsamen Reparieren, Leihen oder Tauschen“ (Hinweis: Gilt nicht für Reparatur oder Tausch der Entscheidungen von Koalitionen und Landesregierungen). Frage an Berlinkenner: Und wo kommt’s her, das schöne Geld? Na klar doch: Wegen diverser „Bauverzögerungen“ war anderswo noch was übrig. Geschäftsmodell: Made in Berlin.
Mit einem Regentropfen im Knopfloch verabschiedet sich die IGA - erwartet worden waren deutlich mehr als 1,6 Millionen Besucher. Die Schuld dafür wird dem Wetter gegeben („kältester April seit zehn Jahren“), es zeigt sich aber auch, wie schwer es ist, Besucher von der Mitte weg woanders hin zu lotsen. Wer dennoch da war, hat es nicht bereut (98 % „zufrieden“ bzw. „sehr zufrieden“), alle anderen können sich auf die Wiedereröffnung der „Gärten der Welt“ freuen (1. Dezember) - mit der neuen Kabinenseilbahn als weiterschwebendes Andenken (noch min. 2 Jahre).
Und hier mal wieder ein Beispiel für die berühmte Problemlösung nach Berliner Art. Das Problem: Die gesperrten Tribünen des Olympiabades sind völlig marode, es bröselt der Putz, die Säulen rosten vor sich hin. Der Senat wünscht sich einen Umbau oder Abriss (niemand braucht solche Tribünen noch), der Denkmalschutz besteht auf originalgetreuer Sanierung - das aber würde ca. 50 Mio kosten. Die Lösung: Eine abschließende Entscheidung wird so lange vertagt, bis sich das Problem durch Einsturz von selbst erledigt.
Das Land Berlin veröffentlicht eine neue, ewig lange Liste der „Verwarnungen wegen geringfügiger Ordnungswidrigkeiten“ (Nr. 44, 4919), die ein schönes Bild unserer Stadt zeichnet - kleiner Auszug: Nichtbeleuchten der Grundstücksnummern während der Dunkelheit (25 Euro), Rauchen beim Herstellen, Inverkehrbringen und Behandeln unverpackter Lebensmittel (25 Euro), Lippenstiftreste an Gläsern in Schankwirtschaften (25 Euro), Unbefugtes Mitführen fangfertiger Fischereigeräte (10 Euro), Befahren von Eisflächen mit Fahrzeugen wie Fahrrädern, Handwagen usw. (30 Euro), Belästigung der Allgemeinheit durch Werfen von kleinen Gegenständen (20 Euro), Zuwiderhandlung gegen das Verbot, einem erkennbar Betrunkenen in Ausübung eines Gewerbes alkoholische Getränke zu verabreichen (55 Euro)… irre - und das ist hier echt alles verboten?
Sie erinnern sich an die unterbesetzte Fähre zur Schulfarm Scharfenberg (fällt öfter mal aus)? Die 1. Ausschreibung der Bildungsverwaltung zur Stellenbesetzung „Fährfrau/Fährmann fiel ins Wasser, jetzt wird sie wiederholt (Nr. I E-032/2017). Die Hürden sind aber auch hoch - zu den Aufgaben gehört es, bei Ausfall der Motoren zu rudern, und unter „Anforderungen“ heißt es dann auch noch: „Freundlich-kommunikatives Auftreten unabdingbar.“ In hoffnungslosem Optimismus will sich der Senat offenbar von niemandem übertreffen lassen.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres sucht aber nicht nur eine Fährfrau, sondern auch jemand für ihren „Sekretariats- und Vorzimmerdienst: Terminkoordination, qualifizierte Auskunftserteilung, qualifizierte Bearbeitung interner und externer Posteingänge, Aktenführung, Mittelbewirtschaftung sowie die Bearbeitung von Dienstreiseangelegenheiten“ gehören zu den Aufgaben (Kennzahl 104/17). Vielleicht plant sie ja eine Überfahrt zur Schulfarm Scharfenberg.
Telegramm
Der Senat hat dem Bund das „Haus der Statistik“ am Alex abgekauft - aber nicht, dass Sie jetzt denken, der Regierende macht wegen der schlechten Tabellenplätze für Berlin bei diversen Rankings einen auf Churchill („Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“ - ist allerdings sowieso ein gefälschtes Zitat): Hier soll das Finanzamt Mitte rein.
Das Berliner Radgesetz hat einen Platten - vor Weihnachten kommt es, anders als angekündigt, nicht mehr als Paket mit dem „Mobilitätsgesetz“ auf den Schlitten. Die Begründung: Es gibt zu viele Sonderwünsche auf dem Wunschzettel der Lobbyisten.
Und auch die Kanzlerlinie (U55) hat ein Rad ab: Die hier gerade erst vor einem halben Jahr eingesetzten BVG-Oldtimer aus den 50er Jahren müssen aus der Grube gehoben und in Werkstätten verfrachtet werden - ein Wechsel der verschlissenen Teile ist im Tunnel nicht möglich.
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Das Parlament erhöht die Planungsmittel für die Bahnverbindung ans Umland (1,3 Mio) und die Verkehrssicherheit (1,75 Mio) - über die Ansätze des Senats hinaus. Im Scheinwerferlicht des Relativismus ist es trotzdem kaum mehr als ein Tropfen Teer auf den rissigen Asphalt: In der Berliner Währung „BER“ (24 h Nichteröffnung haben den Wert von 1 Mio) macht das gerade mal drei Tage.
So, was noch… ach ja, hier: Bausenatorin Katrin Lompscher beruft ihren Ex-Staatssekretär Andrej Holm in einen 29-köpfigen „Begleitkreis“ für den Entwicklungsplan „Wohnen 2030“. Olaf Wedekind von der „B.Z.“ kritisiert: „Ideologie satt Fachwissen“ - Holm hatte zuvor bedauert, dass die Verwaltung nicht öfter von dem „tollen Instrument“ der Enteignung Gebrauch macht.
PS: Zufällig sucht Lompscher gerade per Ausschreibung jemanden für die „Sachbearbeitung bei der Enteignungsbehörde“ (Besoldung A10) - Aufgabe u.a.: „Durchführung von Enteignungs- und Besitzeinweisungsverfahren“ - was auch sonst.
Dialog zwischen Kunde und Verkäufer bei Dussmann: „Haben Sie das neue Buch von Daniel Kehlmann?“ „Ja, aber das ist eher hochwertige Literatur.“ „Na dann ist es ja gut, dass Sie mich gewarnt haben.“ (Q: „Berliner Liste“)
Und hier eine Liste der Dinge, die Zoo-Besucher ins Seelöwenbecken geworfen haben: Schuhe, Kämme, Schnuller, Sonnenbrille, Kugelschreiber, Münzen, Rasiermesser, Spielzeugpistole, Tonbandkassette, Spritze, Glasflasche, Blechdose, Nagelschere, Puppe, Gummispinne. Manche Leute sind eben einfach komplett bekloppt.
Heute vergibt das Land Berlin wieder den Preis „Engagiert in Berlin“ - der Regierende zeichnet Unternehmer für bürgerschaftlichen Einsatz aus (der Tagesspiegel ist auch nominiert).
Hier noch ein paar Ergänzungen zu unserer Schallplattenläden-Liste (CP vom 13.10.): Benjamin Mönkemöller empfiehlt „Bis aufs Messer!“ in der Marchlewskistraße 107 („Der wahrscheinlich beste Metal-Plattenladen Berlins!“), David Fritz nennt „Logo Records“ in der Nostitzstraße („Super schöne Sammlung“), Michael Zimmermann erinnert an „Oldschool Berlin“ am Walter-Benjaminplatz, Gerd Millinghaus lobt den Klassik-Spezialisten „Horenstein“ in der Fechnerstraße („Raritäten und Schätzchen aus den 50ern“), in der Klosterstraße gibt’s noch das „Musicland“ („DIE Institution seit mehr als 40 Jahren!“, schreibt Andreas Busch), Nannette Jacobsohn empfiehlt das „Shubashi“ in der Hubertusstraße und Hans Marquardt das nach seinem Inhaber benannte „Jaksch“ in Schöneberg (herrlich, „der unaufgeräumteste Plattenladen der Stadt“). Mehr zu Schallplattenläden heute auch im Stadtleben (unter „Berlinbesuch“).
Wo so viele Hipster rumrennen, braucht’s keinen Berliner Bartclub mehr - der eingetragene Verein hat sich aufgelöst, Gläubiger sind aufgefordert, ihre Ansprüche beim Amtsgericht Charlottenburg anzumelden. (Aktenzeichen VR 17930 B)
Dazu passt auch folgende Korrektur: Es gibt zwar auch ohne Club noch Schnurrbärte, nicht aber Schnurrbäume, deswegen konnte auch kein solches Exemplar am Lützowplatz abgeholzt werden (CP v. 13.10) - es handelte sich um Schnurbäume (Sophora japonica). Und zack - schon haben Sie wieder unnützes Berlinwissen gesammelt, das Sie nie wieder vergessen werden (mit Dank an Volker Schewitz).
Herrliche Anzeige im Flughafenmagazin „BER aktuell“ - zur Überschrift „Wir haben BEReits eröffnet“ heißt es da: „Trotz aller Widrigkeiten hat sich die Zahnarztpraxis Schönberg am BER etabliert (Willy-Brandt-Platz 2). Die am BER ansässigen Mitarbeiter nutzen mehr und mehr die medizinischen Angebote. Ein eingespieltes Team bietet auch Angstpatienten eine sehr angenehme Atmosphäre.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ich fahre nicht so gerne Auto in der Stadt.“
Elke Büdenbender, Richterin und z.Zt. „First Lady“, mag mehr die S-Bahn - ihre Lieblingsstrecke: die S1 zwischen Zehlendorf und Friedrichstraße. (Q: Interview im Tagesspiegel)
Tweet des Tages
„In der Kohlfurtherstraße lag dieser einsame Geselle auf dem Boden. Hab ihn mal auf einen Baumstamm gesetzt - den muss doch jemand vermissen.“
Antwort d. Red.: Der „einsame Geselle“ ist übrigens ein sehr trauriger, brauner Teddy (hier zu sehen) - sachdienliche Hinweis bitte an checkpoint@tagesspiegel.de
Stadtleben
Für russisches Lebensgefühl muss man dank des Datscha in der Graefestraße 83 in Kreuzberg nicht weit gen Osten fahren. Das russische Restaurant versprüht mit gemusterter Tapete und großem Kronleuchter dezent-modernen Sowjetcharme. Das perfekte Ambiente, um mit Freunden zu dem "Proletariat" (Schinken "à la Russ", Kartoffeln, Salzgurke, marinierte Pilze, Zwiebelringe, eingelegte Rote Bete und Schwarzbrot, 6,90 Euro) Wodka zu trinken. Nicht fehlen dürfen die typischen Wareniki (11 Euro), ob mit Lammhackfleisch gefüllt, oder ausgefallen mit Kartoffel-Quinoa-Füllung, Shiitake-Pilzen, Artischocken und Avocado. Und für alle, die es ernst meinen: Bei der russischen Soirée jeden Donnerstag ab 18 Uhr gibt's alle Wodka-Longdrinks und -Cocktails für 5 Euro, die Shots für 4,50 Euro. Ein weiteres Highlight ist der Brunch am Sonntag (10-15 Uhr) - für 12,40 Euro gibt es alles, was die russische Küche hergibt (Tipp: gleich um 10 oder nach 13 kommen, der Andrang ist groß), Mo-So 10-1 Uhr, U-Bhf Schönleinstraße
Bei Loveco schenkt man das gute Gewissen gleich mit: Die Mode ist vegan, nachhaltig und Fair-Trade. Im geräumigen, stilvoll eingerichteten Concept-Store in der Sonntagstraße 29 in Friedrichshain (Mo-Fr 12-20 Uhr, Sa 11-19 Uhr), der zweiten Dependence in der Manteuffelstraße 77 in Kreuzberg (Mo-Sa, 11-18 Uhr), oder im Online-Shop, gibt's elegante Baumwollpullis, pfiffige Kleider und schlichte Accessoires, die nicht nur dem Beschenkten, sondern auch der Natur gefallen.