Zu Beginn heute gleich eine Warnung für Allergiker: Dieser Checkpoint enthält besonders viele Spuren von BER, die für Mensch und Maschine funktionale Folgen haben können. Auch der Tagesspiegel wurde gestern vom Morbus BER befallen: Ausgerechnet bei der Produktion unserer Sonderseiten zum 2000. Tag der Nichteröffnung des „modernsten Flughafens Europas“ gingen die Tagesspiegel-Server in die Knie. Der angekündigte Erscheinungstermin (heute!) konnte aber trotz dieser Widrigkeiten gehalten werden. Checkpoint-Tipp: Heben Sie sich Ihr Exemplar gut auf – alleine schon der dort erstmals veröffentlichte Plan der berüchtigten Entrauchungsanlage hat das Zeug zum Klassiker.
Wir bleiben gleich beim BER:
Ein bisher geheim gehaltener TÜV-Prüfbericht sowie ein wenige Tage alter Lagebericht der obersten Bauaufsichtsbehörde offenbaren „wesentliche und systematische Mängel“ am BER: Demnach sind die Brandmeldeanlage, die Notwarnsysteme, die Sicherheitsbeleuchtung, die Entrauchungssteuerung und die Sprinkleranlagen auch 2000 Tage nach der verschobenen Eröffnung „nicht abnahmefähig“. Selbst Systeme, die als fertig galten, funktionieren nicht - eine Eröffnung 2020 ist damit kaum noch zu schaffen.
Der dramatische, 33 Seiten lange Bericht („Die Mängel wirken in der Tragweite auf den Terminplan“) ist auch eine Erklärung dafür, warum Flughafenchef Lütke Daldrup dringend einen neuen Technikchef in die Geschäftsführung holen will (was der Aufsichtsrat ablehnt) – und warum der bisherige, Jörg Marks, nicht mehr auftaucht (CP von gestern). Marks kam damals von Siemens (Hartmut Mehdorn feierte ihn als Retter) – und von Siemens handelt auch die nächste Meldung:
Erstmals lässt sich anhand von internen Rechnungsunterlagen genau nachvollziehen, wie die wundersame Geldvermehrung für die am BER-Bau beteiligten Firmen funktioniert. Ein Beispiel: Am 22.8.2009 bekam Siemens den Zuschlag für einen Teilauftrag über 9,7 Millionen Euro. Verantwortlich auf der Seite des Unternehmens: der damalige Regionalmanager Marks. Anfang 2017, Marks arbeitet jetzt beim BER, landet der immer noch nicht abgeschlossene Vorgang wegen einer Zwischenrechnung vom 22.12.2016 zur Prüfung bei einem externen Ingenieurbüro. In den Unterlagen sind, neben dem ursprünglichen Auftragswert, auch die „Nachträge“ vermerkt: Sie summieren sich auf 86 Millionen Euro - insgesamt hat sich also das Volumen dieses einen „Vergabepakets 7.5“ fast verzehnfacht.
Wie das geht, zeigt der Blick in eine der „Ergänzungsvereinbarungen“, mit denen die Flughafengesellschaft Unternehmen wie Siemens auf der ewigen Baustelle halten will. 18.6.2013: Marks ist noch bei Siemens und schließt mit seinem späteren Chef Mehdorn eine solche Vereinbarung – Gegenstand u.a.: „Demontage und Wiederherstellen von Brandschutzmaßnahmen, welche vom AN (Auftragnehmer) bereits errichtet wurden.“ Siemens baut also die eigene Arbeit ab und wieder auf – und wird dafür nochmal bezahlt.
Doch das ist natürlich noch nicht alles: In den Ergänzungsvereinbarungen wurde keine Pauschalsumme festgelegt, sondern ein Stundenlohn (90,31 plus Zuschläge für jeden Arbeiter, auch wenn der nur ein Kabel abklemmt) – und das auch noch zeitlich unbegrenzt: „Verbindliche Ausführungsfristen werden angesichts der noch nicht abzuschätzenden Art und des Umfangs der Umbaumaßnahmen nicht vereinbart.“ Die Folge: Je langsamer Siemens vorankam, desto höher wurde die Rechnung. Nach Arbeitsstunde abgerechnet werden konnte übrigens auch die „Koordination der eigenen Leistungen“ – Schwierigkeiten dabei zahlten sich also ebenfalls aus.
Siemens kassierte auf diese Weise einer internen Liste zufolge am BER im Jahre 2015 rund 14 Mio, 2016 etwa 11,5 Mio und 2017 sogar 27,6 Mio. Zur Erinnerung: Es handelt sich dabei um jenes Unternehmen, das gerade einen Geschäftsjahresgewinn von 6,2 Milliarden Euro verkündet hat (nach Steuern, plus 11 %) - und in Berlin die Streichung von 870 Stellen.
p.s.: Flughafengeschäftsführer Lütke Daldrup ist es inzwischen gelungen, diese Art der endlosen Geldvermehrung am BER zu unterbinden: Er handelte den großen Unternehmen Siemens, Bosch T-Systems und Rom Rahmenterminpläne zu Festpreisen ab (nur mit Caverion ist er sich noch nicht einig). Sanktionen für verfehlte Termine konnte Lütke Daldrup allerdings nicht durchsetzen.
Mein Kollege Thorsten Metzner, seit Jahren unser inoffizieller BER-Sonderkorrespondent, hat all dies und noch einiges mehr für unsere heutige Sonderausgabe ausführlich beschrieben (zum Epaper, auch Einzelausgaben, geht’s hier) aber wir machen jetzt zur Auflockerung nach dem ganzen harten Stoff erstmal ein bisschen Musik, denn als Geschenk zum Zweitausendsten haben wir für die Beteiligten gruppenspezifische BER-Playlists zusammengestellt, das Besondere: Es sind alles Songs von den Beatles. Voila:
Für die Aufsichtsräte:
Tell me why
Do you want to know a secret
What goes on
I’m so tired
Für die Baufirmen:
Money (that’s what I want)
Eight days a week
Tomorrow never knows
With a little help from my friends
Für die Bauarbeiter:
Carry that weight
All together now
Fixing a hole
I’m only sleeping
Für die Geschäftsführung:
Everybody’s got something to hide
It won’t be long
Not guilty
It’s all too much
Für die Politik:
Let it be
Not a second time,
I should have known better
Help!
Verzichtet haben wir auf „I’m a loser“, aber nur wegen der Melodie. In Vorbereitung: Das Buch „Generation BER – Leben mit dem Monster“, als Soundtrack zur Verfilmung empfehlen wird „Was soll das“ von Herbert Grönemeyer (bekannt aus „Flugzeuge im Bauch“), und, selbstverständlich, den BER-Track schlechthin: „In the year 2525“ von Zager und Evans.
Telegramm
Nein, es gibt noch keine neue Koalition im Bund (wir sagen rechtzeitig Bescheid) – aber die Laune von Martin Schulz sinkt mit jedem Genossen, der von der harten Oppositionsfront desertiert (und es werden mehr). Angela Merkel wurde dagegen erstmals wieder lächelnd angetroffen. Aber vielleicht freut sie sich ja schon auf den Ruhestand – eine neue schwarz-rote Koalition kann dem Volk allenfalls dann als heißes Ding verkauft werden, wenn an der Spitze nicht die Alten weitermachen. (Unsere Sondierungs-Sounds setzen wir übrigens morgen fort, wenn die BER-Songs verklungen sind).
Auf Landesebene will dagegen eine ganz große Koalition von SPD, CDU, Linken, Grünen und FDP gemeinsam baden gehen – und zwar in der Spree: Im Antrag 18/0665 fordern die Fraktionen den Senat auf, „Das Flussbad Berlin zum Fließen zu bringen.“ Geklärt werden müsse zum einen das Wasser, zum anderen die Zuständigkeit, denn: „Nach Aussage des Trägervereins gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einzelnen Behörden und Institutionen stellenweise schwierig und langsam“. Checkpoint-Prognose: Das Bad fällt ins Wasser.
Der Senat macht tatsächlich ernst mit dem Plan, die Touristen auf die Außenbezirke zu verteilen (CP von gestern) – ich melde mich hiermit schon mal an für die Reportage über Bierbike-Touren durch Biesdorf.
„Dickhäuterhaus zwei Tage geschlossen“, meldet die „Morgenpost“ – Hinweis für Neuberliner: Damit ist nicht das Rote Rathaus gemeint, sondern der Tierpark, und der Grund war die „Sorge um Seekuh Lisa“.
Neues vom ICC: Nachdem die Wirtschaftsverwaltung vorgestern einen möglichen Verkauf ventiliert hatte und gestern die Wirtschaftssenatorin dementierte, schlägt heute Sven Heinemann, vermögenspolitischer Sprecher der SPD, einen Abriss vor (Q: Berliner Zeitung“). Morgen dürfte dann wieder Denkmalschutz vorgeschlagen werden und übermorgen die Wiedereröffnung als Kongresszentrum, Sonntag die Einrichtung eines Shoppingcenters – und Montag wieder ein Verkauf. Wir melden uns in dieser Angelegenheit nach Eröffnung des BER wieder.
Drei Ehrungen für den Tagesspiegel bei den European Newspaper Awards: Ausgezeichnet wurden das Tegel-Dossier zum Volksentscheid, die Seiten „Mehr Berlin“ für die Reportage zu Berlins letzten Kohlehändlern und die Sonderausgabe „#jetztschreibenwir“, gestaltet von geflüchteten Journalisten.
Hier noch ein Hinweis auf unsere neue Video-Kolumne „Auf den Punkt“ mit Ursula Weidenfeld, Bilkay Öney, Harald Martenstein und Christopher Lauer. Der Ex-Abgeordnete Lauer beginnt auch gleich mit einem Beitrag zur Häme, die Christian Lindner entgegenschlägt, seit die FDP die Jamaika-Sondierungen hat platzen lassen. (Hier zu sehen).
Korrektur zur Meldung „Spandauer Höhepunkte “ (CP von gestern): Es war natürlich Ingo Insterburg, der ein Mädchen liebte in Spandau, und von der war immer der Mann blau – die Gebrüder Blattschuss sind unschuldig (jedenfalls an dieser Affäre – die hatten ihre in Kreuzberger Nächten).
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wir bündeln alle Kräfte, um den Eröffnungstermin im Oktober 2013 zu halten.“
Klaus Wowereit, Neujahrsansprache 2013.
Zitat
„Entweder das Ding fliegt oder ich fliege.“
Matthias Platzeck, Januar 2013.
Zitat
„Der BER wird fertiger und fertiger.“
Hartmut Mehdorn, 4. Juni 2014.
Zitat
„Wir müssen Termine endlich halten.“
Karsten Mühlenfeld, 24. Februar 2016.
Zitat
„Es wird knapper und knapper.“
Michael Müller am 8.Juni 2016 zur geplanten Eröffnung 2017.
Zitat
„Auch der BER wird fertig werden!“
Engelbert Lütke Daldrup, 9. Juni 2016.
Zitat
„Wir planen doch keine Mondlandung.“
Dietmar Woidke, 24. Januar 2017.
Tweet des Tages
„Herzlichen Glückwunsch zu 1000 Tage Nicht-Eröffnung, lieber BER! Ich bin sicher, dass ihr auch die 2000 schafft, wenn ihr euch Mühe gebt.“
Antwort d. Red.: (Vom 27. Februar 2015)
Stadtleben
Essen mit BER-Blick Das Café Sauerwald befindet sich seit 2012 am Wiesenweg 1 in Selchow, direkt in der Einflugschneise der nördlichen BER-Landebahn. Beabsichtigt war das so nicht: Zuvor befand sich das Café mit Hofladen nämlich auf dem Vierseithof der Familie Sauerland in Selchow, doch der war während der Bahn-Bauarbeiten für die Anbindung des BER kaum zu erreichen, also zog Betreiber Kai Sauerland um, und Ex-Adlon-Barkeeper Sven Böhme gesellte sich mit seiner im Sommer geöffneten Cocktailbar 45 über Null dazu. Im Hofladen können Sie aber das ganze Jahr über Fleisch- und Wurstwaren kaufen, im Café morgens Rührei und mittags täglich wechselnde Gerichte genießen - quasi mit Logenplatz auf die ruhige Flughafen-Idylle. Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 9-18 Uhr, So 11-18 Uhr.
Trinken unter dem S-Bahn-Bogen zwischen Savignyplatz und Zoo in Charlottenburg. The Hat versprüht mit schillerndem Diskokugel-Licht im ansonsten dunkel-schummrigen Raum uriges Jazzbar-Flair. Die täglich stattfindenden Live-Auftritte versierter Jazzmusiker (ab 22 Uhr) tragen ihr übriges dazu bei. Barbetreiber Emir Sombecki mixt derweil seine mehrfach ausgezeichneten Rum- und Gin-Kreationen (ab 9 Euro). Zu finden unter dem Lotte-Lenya-Bogen 550, täglich ab 20 Uhr.