in Niedersachsen tritt ein SPD-Bürgermeister zurück, weil die rechtsextremen Drohungen gegen ihn unerträglich geworden sind. Sein Auto wurde mit Hakenkreuzen beschmiert, in seinem Briefkasten landen Zettel mit der Aufschrift „Wir vergasen dich wie die Antifa“. Schon Ende November legt eine sächsische Bürgermeisterin nach massiver rechtsradikaler Hetze ihr Amt nieder. Der Bürgermeister einer Stadt in NRW hat aus Angst vor Neonazis einen Waffenschein beantragt. Um nicht wie Walter Lübcke schutzlos dazustehen, falls er angegriffen wird. Das sind nur einige Beispiele. Was sie eint: Die Betroffenen haben sich für Geflüchtete und gegen Rechts engagiert.
Auch in Berlin gehören Beschimpfungen und Drohungen für die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker zum Alltag. Bei einer rbb-Umfrage von Anfang Dezember gaben 93,6 Prozent der Teilnehmer an, schon einmal beschimpft oder beleidigt worden zu sein. Mehr als die Hälfte der Befragten (52,9 Prozent) erleben das sogar ein- bis fünfmal pro Woche. Bedroht wurden bereits 54,1 Prozent der befragten Politiker. Betroffen sind Mitglieder aller Parteien, zahlenmäßig besonders stark die der Linken und der AfD.
Wie der Hass aussieht, dem unsere gewählten Volksvertreterinnen und -vertreter ausgesetzt sind, zeigen wir heute beispielhaft auf der Dritten Seite im Tagesspiegel. Weil wir glauben, dass wir als Gesellschaft darüber ins Gespräch kommen müssen. Weil dieser Hass unsere Demokratie bedroht, auf BVV-, Landes-, Bundes- und Europaebene. Weil Politik nicht nur etwas für ganz Hartgesottene sein darf, so wie es der österreichische Kanzler gerade in einem Interview mit Puls 4 ausgedrückt hat. Von Angriffen, „die Politiker aushalten müssen“, sprach Sebastian Kurz in Bezug auf die Hasskampagne (von Rechts) gegen die neue österreichische Justizministerin Alma Zadić, die mittlerweile von Beamten der Spezialeinheit Cobra geschützt werden muss.
Wenn Politikerinnen Zielscheibe von Hass werden, sind sie häufig auch mit sexualisierter Gewalt konfrontiert. „Die sollte vergewaltig werden! Oder schneidet die Brüste ab“, ist nur ein Beispiel von vielen Androhungen, die die Berliner Linken-Abgeordnete Anne Helm erreicht haben. Mit Vergewaltigungs-Fantasien wurde auch Gollaleh Ahmadi, Fraktionsvorsitzende der Grünen in Spandau, bedroht. Einmal schrieb jemand auf Facebook, er würde gerne zusehen, wie sie von einem Kamel vergewaltigt wird. Sie geht anders durch die Straßen, seitdem sie im Netz immer wieder rassistisch und sexistisch angefeindet wird, sagt Ahmadi im Interview weiter unten (Abo-Fassung). Und sie überlegt dreimal, ob sie sich auf Twitter oder Facebook zu bestimmten Themen positioniert. Sie sagt: „Ich sehe, dass immer mehr Frauen, auch Lokalpolitikerinnen, sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, weil sie sich nicht ständig Anfeindungen aussetzen wollen.“
„Es ist höchste Zeit zu handeln“, findet Sawsan Chebli, Berlins Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement, die selbst regelmäßig Morddrohungen erhält. „Wir dürfen vor den Feinden der Demokratie nicht kapitulieren“, sagte Chebli dem Checkpoint. „Im Gegenteil: Wir müssen diejenigen in unsere Mitte nehmen und stärken, die Demokratie leben und sich für unser Gemeinwesen engagieren. Am besten nicht mit befristeten Projekten, sondern mit robusten, dauerhaften demokratischen Strukturen.“
Telegramm
Wie beliebt Franziska Giffey in Berlin ist, zeigt sich auch an den vielen Mails, die wir bekommen haben, als Reaktion auf das, was Lorenz Maroldt hier gestern über die SPD-Bildungsministerin und Ex-Bürgermeisterin von Neukölln geschrieben hat. Es geht um ihren Mann Karsten Giffey, der als Beamter für das Land Berlin vom Verwaltungsgericht „aus dem Dienst entfernt“ wurde. Und es geht um die Frage, ob und was Franziska Giffey über die Vorwürfe wusste und ob sie dazu nun Stellung beziehen muss. Für „Diffamierung“ hält ein CP-Leser diese Berichterstattung, mehrmals kam die Frage auf, ob in Deutschland plötzlich „Sippenhaft“ gelte.
Einfache Antwort: nein, natürlich nicht. Aber herauszufinden, ob und inwiefern die Ministerin Giffey vom Fehlverhalten ihres Mannes gewusst hat, ist eben auch Aufgabe von Journalisten. Also kommen wir zu dem, was meine Kollegen zu dem Fall recherchiert haben: In der Zeit seit 2015, da war Franziska Giffey noch Bürgermeisterin von Neukölln, soll Karsten Giffey eine Urlaubsreise nach Zypern vor seinem Arbeitgeber als Dienstreise nach Griechenland ausgegeben haben. Nach seiner Rückkehr soll er aufgeflogen sein, ein Disziplinarverfahren gegen ihn wurde eröffnet. Als Franziska Giffey ins Kabinett aufstieg, wurde das Verfahren an die Linken-geführte Senatssozialverwaltung übergeben, die schließlich entschied, ihn in seiner Besoldungsstufe herabsetzen zu lassen. Doch das Gericht urteilte für die maximal mögliche Maßnahme. Ein ungewöhnlicher Vorgang, heißt es aus der Justiz.
Das Urteil des Gerichts ist das eine. Aber man muss nicht Sozialdemokrat sein, um zu hören: In der Berliner SPD freuen sich einige insgeheim, dass Giffey nun angeschlagen ist. Tenor: Bei 15 Prozent in den Umfragen lieber die Restposten sichern, als mit ihr die Landespolitik aufzumischen.
Manchmal fördert der Blick ins Amtsblatt tatsächlich Interessantes zutage: Die Innenverwaltung informiert über zwei Geldspenden für die Volksinitiative „#FaireMietenBauen“ des Vereins „Neue Wege für Berlin“. Das ist der mit den Mitgliedern aus der Immobilienlobby, der mit bezahlten Promotern Unterschriften für 100.000 neue Sozialwohnungen in Berlin sammelt und nur im Kleingedruckten darauf verweist, dass die Initiative sich auch gegen Mietendeckel und Enteignungen richtet. Eine Spende über 9500 Euro kommt von Daniel Koerfer, Honorarprofessor im Fachbereich Geschichts-und Kulturwissenschaften der FU Berlin. Die zweite, in Höhe von 19.750 Euro, von Bauunternehmer Klaus Groth, Chef der Groth-Gruppe.
Da hilft auch Spendengeld nichts, am 30. Januar will das Abgeordnetenhaus den Mietendeckel beschließen. Das Klappern wird aber auch danach noch nicht vorbei sein. Denn die Grünen wollen weiter versuchen, Genossenschaften vom Mietendeckel auszunehmen. Zwar hätten sie bis heute keinen Juristen gefunden, der das für möglich hält (Stichwort Gleichbehandlungsgrundsatz), sagte Fraktionschefin Antje Kapek dem Checkpoint. Doch nun will die Fraktion ihre Suche auf ganz Deutschland ausweiten. Falls sich unter irgendeinem Stein doch noch ein überzeugter Deckelverhinderungsgenossenschaftlerjurist findet, wollen die Grünen das dann eben erst beschlossene Mietendeckel-Gesetz per Antrag wieder ändern lassen.
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Die vierte Staffel der Serie „Der Ausschluss“ mit Thilo Sarrazin als Bösewicht in der Hauptrolle geht in die Verlängerung. Zwei Stunden beriet die Landesschiedskommission am Abend in der Weddinger Zentrale. Das Ergebnis: Entscheidung vertagt.
(Straßen)-Zeichen und Wunder: Am Abend hat das Bezirksamt Mitte auf Twitter mitgeteilt, dass in dieser Woche die letzten fehlenden Dieselfahrverbotsschilder aufgestellt wurden – fast anderthalb Jahre nach dem entsprechenden Gerichtsurteil und ein halbes Jahr nach dem Senatsbeschluss. Vergangene Woche hatte Verkehrsverwaltungs-Sprecher Jan Thomsen mir allerdings gesagt, dass wegen Bürokratieproblemen auf der Leipziger Straße zunächst provisorische Schilder installiert würden. Wie dem auch sei: Allein wegen solcher frohen Botschaften wäre es schade, wenn Behörden sich aus den sozialen Medien zurückziehen würden.
Die Anzeichen mehren sich, dass in diesem Jahr tatsächlich der BER eröffnet – mindestens als Shoppingcenter. Die Flughafengesellschaft sucht einen Referenten (m/w/d) für Fremdfirmenkoordination. Zu den Anforderungen gehören „Problemlösungs- und Verhandlungskompetenz“. Nur wann er oder sie anfangen soll, das steht in der Ausschreibung nicht. Nix für Sie? Wie wär’s dann mit einem Volontariat beim Tagesspiegel? Zum 1. Juni suchen wir wieder neue Kolleginnen und Kollegen, die jetzt auch von unserer Kooperation mit der Henri-Nannen-Schule in Hamburg profitieren.
Die Ausschreibung über „diverse Überhitzerrohre“ hat übrigens nicht die Flughafengesellschaft auf der Vergabeplattform des Landes Berlin veröffentlicht, sondern die BSR. Was das sein soll? Einer kurzen Google-Recherche zufolge werden Überhitzerrohre sowohl in Dampfloks, in Kraftwerken und in Müll- und Biomasseverbrennungsanlagen verwendet. Wieder was gelernt.
BER-Chef Engelbert Lütke Daldrup scheint mit der Vorbereitung seiner Geburtstagsparty am 31. Oktober auf jeden Fall gut beschäftigt zu sein. So sehr, dass er die Einladung zur Anhörung im Ausschuss für Wirtschaft, Energie, Betriebe für kommenden Montag ausschlug („aus terminlichen Gründen“). Zum „Themenkomplex TXL“, schreibt seine Referentin in der Absage, habe Lütke Daldrup aber erst kürzlich (am 11. Dezember) vor dem Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur des Bundestags Stellung bezogen, und zwar „umfassend“. Schauen wir doch mal kurz in die Stellungnahme…ah, hier: Sie ist (wohlwollende) 1,5 Seiten lang.
Gestern hat Lorenz Maroldt hier darauf hingewiesen, dass falsch parkende Autos für Kinder lebensgefährlich sein können. Wie zum traurigen Beweis teilte die Polizei am Freitag mit, dass am Donnerstagabend ein Neunjähriger in Neukölln schwer verletzt wurde, nachdem er hinter einem in zweiter Reihe geparkten VW-Bus hervorgetreten war und von einem Smart erfasst wurde.
Neues aus der Digitalhauptstadt des Universums: Nur jeder zweite der 82.000 Dienstrechner in der Berliner Verwaltung entspricht den geltenden Sicherheitsstandards, die sich der Senat vor bald zweieinhalb Jahren auferlegt hat (Q: IT-Sicherheitsbericht der Innenverwaltung). Trostpflaster: Immerhin das landeseigene IT-Dienstleistungszentrum (ITDZ) erreicht den Maximalwert von 98,89 Prozent. Die Behörde ist allerdings seit dem Weggang von Ines Fiedler Ende des Jahres führungslos.
Innsenator Andreas Geisel besucht gerade Israel. Im Gespräch mit dem Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, sagte er: „Wir tun alles, um antisemitische Auftritte zu verhindern.“ An diesem Versprechen wird Geisel sich messen lassen müssen.
CP-Leserin Birgit Brackrock ärgert sich über das dekadente Catering für 730,56 Euro (pro Person!), das Michael Müller im Oktober 2018 als Bundesratspräsident mit seiner Delegation auf der Reise nach Australien genossen hat (CP von gestern). „Ich muss mit monatlich 847,75 € (Miete in dem Betrag enthalten) ‚hinkommen‘ und das nach knapp 40 Jahren Arbeit in Vollzeit“, schreibt sie. Seit mehr als 15 Jahren war sie nicht mehr im Urlaub, aber sie sei trotzdem ein positiver Mensch und gestalte sich ihr Leben „so schön es eben möglich ist“. Brackrock bedauert, dass „Bodenhaftigkeit und eine tatsächliche Verbindung zur Bevölkerung“ großen Teilen der Politiker abhandengekommen seien. „Dadurch resultiert, dass viele ihrer Aussagen unglaubhaft werden“.
Wir danken den vielen Eier-Spezialisten, die uns an den Unterschied zwischen Frank und Frank erinnert haben: In Deckung hinter dem unbeeindruckten Edmund Stoiber ging damals, 2001, beim Wahlkampfauftakt der CDU auf dem Alexanderplatz natürlich Frank Steffel, nicht Frank Henkel (der hätte vermutlich auch eher zurückgeworfen).
Zum Vorwurf des Interessenkonflikts, weil die von ihm protegierte Genossenschaft „Diese eG“ mit Geld eines Immobilienunternehmers gerettet wurde, der in Kreuzberg ein Hochhaus plant (CP von gestern), sagt Baustadtrat Florian Schmidt: „Tom Bestgen kann sich auf eins hundertprozentig verlassen: Dass er von mir rein gar nichts geschenkt bekommt bei seinen Plänen, gerade weil er der ,Diese eG‘ eine Zwischenfinanzierung gibt.“ Die Baukommission war von Bestgen zwar sehr angetan und will das Projekt in der Schöneberger Straße mit ihm weiterentwickeln. Bis zu einer Baugenehmigung können allerdings noch Jahre ins Land gehen.
Unsere Newsletter-Familie vergrößert sich: Am 13. Januar startet der neue Background „Gesundheit & E-Health“, mit den wichtigsten Nachrichten und Analysen aus der Gesundheitspolitik, einem Überblick über relevante Persönlichkeiten des Sektors, Startups und digitale Gesundheitsanwendungen sowie internationaler Presseschau und Monitoring aktueller Forschungsergebnisse. Anmelden kann man sich hier.
Durchgecheckt
Gollaleh Ahmadi, 37, ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Spandau.
Frau Ahmadi, Sie werden regelmäßig Opfer von Hasskommentaren, Gewaltandrohungen, Rassismus und Sexismus. Machen Ihnen die Anfeindungen Angst?
Ja. Nicht immer, aber es gibt solche Momente. Wenn ich lese, es sind Personen aus Berlin, die schreiben, sie wissen, welche Wege ich gehe, wo ich mich befinde, dann habe ich Angst. Dann fühle ich mich auf der Straße unsicher.
Wann hat das angefangen und was war das schlimmste Erlebnis für Sie?
Richtig los mit verbaler Gewalt ging es, als ich einen Artikel über meine Abtreibung im Online-Magazin Edition F veröffentlicht habe, im April 2018. Da gab es Sexismus, Rassismus, Drohungen. Wirklich, wirklich schlimme Kommentare, bei denen ich zusammengezuckt bin und nicht mehr weiterlesen konnte, kamen dann im September 2019, als ich getwittert habe, ob es denn nicht eigentlich „Bürger*innenmeister“ heißen müsste. Das wurde unter anderem von der AfD verbreitet, Compact und Junge Freiheit haben darüber geschrieben. Und Ende November hat bei der Eröffnung des Spandauer Weihnachtsmarkts ein Künstler gesungen, der mitten in seinem Auftritt gesagt hat: Es gibt zwei Dinge, die furchtbar sind. Erstens: kalter Glühwein, und zweitens: unwillige Frauen. Daraufhin habe ich ein Pressestatement geschrieben und eine Stellungnahme von allen Verantwortlichen verlangt. Der Künstler hat seine Fans daraufhin auf Facebook aufgefordert, darauf zu reagieren. Ich habe dann einen Brief bekommen, 14 Seiten lang. Darin standen Sachen wie: Noch heute werden Hexen nackt auf Marktplätzen verbrannt. Der Absender schrieb, er habe sich meine Bilder angeschaut und mich recherchiert und er wisse genau, was jeder Mann denkt, wenn er mich anschaut. Er müsse sich ja schon benehmen, um mich nicht zu bespringen und das würde anderen Männern auch so gehen, was er verstehen würde. Noch mehr solcher Statements von mir und noch mehr Öffentlichkeit könnten mir gefährlich werden.
Haben Sie Anzeige erstattet?
Nein, weil ich dachte, dass es nichts bringen würde. Und weil ich dachte, es gibt Menschen, die tatsächlich Morddrohungen bekommen. Bei mir spielt sich immerhin noch alles online ab, ist alles verbale Gewalt.
Hat der Mord an Walter Lübcke für Sie etwas verändert?
Ich habe tatsächlich in dem Moment darüber nachgedacht, dass der Hass im Netz jetzt in der Realität, also in der analogen Welt angekommen ist. Da habe ich schon überlegt: Wie sicher bin ich? Ich habe aber gedacht, so wichtig bin ich als Lokalpolitikerin nicht, so präsent bin ich nicht, da gibt es andere, auch bei meinen grünen Kolleginnen und Kollegen auf Landesebene, die ständig Morddrohungen bekommen.
Haben die Drohungen Auswirkungen auf Ihr Privatleben und das Ihrer Familie?
Ich gehe vorsichtiger durch die Straßen. Alleine schon wegen dieses Briefs aus dem Dezember. Mein Privatleben hat sich bisher weniger verändert. Ich habe Zuhause immer kommuniziert: Es könnte kommen, sie könnten herausfinden, wo wir wohnen. Da müssen wir dann gemeinsam durch, das betrifft nicht nur mich allein. Mein Partner hat gesagt: „Wozu haben wir denn die Polizei? Mach dir keine Sorgen, das stehen wir dann gemeinsam durch.“ Erschreckend finde ich jedoch, dass einige im politischen Bereich sagen: Das gehört zur Politik dazu. Wenn du damit nicht umgehen kannst, bist du in der Politik vielleicht doch nicht gut aufgehoben.
Der Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Estorf, Arnd Focke, ist gerade wegen massiver rechter Drohungen zurückgetreten, auch um sein Umfeld zu schützen. Können Sie das verstehen?
Ich kann das verstehen. Ich kann das sogar sehr gut verstehen. Ich hätte mir aber gewünscht, dass Focke so viel Solidarität erfahren hätte, dass er diesen Schritt nicht hätte gehen müssen. Ich selbst habe immer gedacht, ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Ich merke aber, wie ich bei jedem Tweet, bei jedem Facebook-Post dreimal überlege: Ist das jetzt notwendig? Muss ich mich dem aussetzen? Das ist eine Art Selbstzensur. Ich überlege dann, ob ich meine Kräfte nicht sparen sollte. Und ich sehe, dass immer mehr Frauen, auch Lokalpolitikerinnen, sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, weil sie sich nicht ständig Anfeindungen aussetzen wollen.
Waren Sie selber schon mal in der Situation, einen Rückzug aus der Politik zu erwägen, aufgrund des Hasses, der Ihnen entgegenschlägt?
Das nicht, nein. Wenn dieser Moment des Schrecks abklingt, denke ich immer: Mach weiter, jetzt erst recht. Wenn du das nicht machst, dann gewinnen sie.
Wenn Sie die Hetze, die Sie betrifft, mit der vergleichen, die Ihre männlichen Kollegen erreicht, was für Unterschiede fallen Ihnen da auf?
Ich erlebe sexualisierte Gewalt, gepaart mit Rassismus. Ich habe auch männliche Kollegen, die Rassismus erfahren. Aber bei Frauen kommt dazu eben noch der Sexismus und die sexualisierte Gewalt. Es gab mal einen Kommentar unter einem Artikel der Jungen Freiheit zu meinem Bürger*innenmeister-Tweet. Da hat jemand geschrieben, dass er gerne sehen würde, wie ein Kamel mich vergewaltigt.
Was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass Betroffene mehr darüber sprechen. Und dass die Mehrheit, die keine Hetze verbreitet, nicht dazu schweigt. Mir haben die Kommentare derer, die mir ihre Solidarität ausgesprochen haben, die gesagt haben: „Halte durch, wir sind mehr“, sehr geholfen. Das hätten mehr sein können. Einige, von denen ich es erwartet hätte, haben gesagt: „Was soll ich dazu sagen, da können doch keine Worte trösten.“ Doch, können sie. Die Botschaft „Ich bin da und an deiner Seite“ – die hilft enorm.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Hier und da mag noch liegengebliebener Staub vom letzten Jahrzehnt zu finden sein. Reste von Silvesterfeuerwerk etwa, unerledigte Vorhaben wie die Komplexitätsreduktion der Gegenwart im Allgemeinen oder die Frage nach Inhalt und Zukunft des Hipsterbarts. Spätestens, wenn man seine Lieblingssuchmaschine bemüht, ein „Best of 2010s“ auszugeben, kommt man aber angesichts von so viel Vergangenheit schlagartig in den goldenen 20ern an. Man spürt dabei: Dieses Jahr ist noch keine zwei Wochen jung, aber schon voll im Gange und wer das Gefühl hat, auch mit dem Feiern längst nicht fertig geworden zu sein, findet im ://about blank Erlösung. Genauer, bei der heutigen Ausgabe der legendären STAUB-Party, die einmal im Monat eine Lücke zwischen gestern und morgen Nacht füllt. Das Erfolgsrezept: Beats zwischen 10 und 22 Uhr, bis zuletzt geheimes DJ-Lineup und ein wenig Aura des Unvorhersehbaren. Wer schon bei der Vorstellung Zukunftsängste entwickelt, sei beruhigt: Kaum etwas pulsiert verlässlicher und vorhersehbarer als ein elektronischer Viervierteltakt. Der Eintritt kostet roundabout 10 Euro und wenn der Name Staub auf den liegengebliebenen des letzten Jahrzehnts verweist, dann nur um ihn aufzuwirbeln. Markgrafendamm 24c, Friedrichshain, S-Bhf Ostkreuz
Samstagmittag – Flauschige Katzen sind bekanntlich besonders süß, solange sie keine Messelektroden aus dem offenen Schädel hängen haben und panisch in eine Laborkamera starren. Das Thema Tierversuche in der Wissenschaft nehmen wir schon seit geraumer Zeit von Dekade zu Dekade mit. Ohne Tierversuche gäbe es so manches heute erhältliche Medikament nicht, das Menschenleben rettet. Ohne sie wäre der Mensch aber ein besserer Mensch. So oder so ähnlich verläuft die Debatte unter Freunden häufig. Wer informiert mitreden will, sollte einmal einen Blick in den Stand der Entwicklung sogenannter Ersatzforschung werfen. Aus der Alternativlosigkeit manches vergangenen Tierversuchs lässt sich schlicht nicht auf die Notwendigkeit zukünftiger Versuche schließen. Eine Infoveranstaltung dazu bietet der Tierheim-Treff Südwest (Brauerstraße 1A, S-Bhf Lichterfelde Ost) von 13 bis 15 Uhr. Eintritt frei
Samstagabend – Wie sagt man doch, jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Ganz in diesem Sinne schließt heute die Ausstellung N°3 in der Eight Rooms Gallery in der Köpenicker Straße 55 (U-Bhf Heinrich-Heine Straße, 18 – 22 Uhr) nach zwei Monaten ihre Türen. Acht internationale Künstlerinnen zeigen Arbeiten zwischen Fotografie, Kunst- und Dokumentarfilm und Objektkunst. Um 19 Uhr öffnet die Galerie Mazzoli in der Eberswalder Straße 30 (U-Bhf Eberswalder Straße) ihre Türen für die Soloausstellung der Pariserin Marie Lelouche unter dem Titel „You Have A New Memory“ – Sie haben eine neue Erinnerung. Dieser aus den sozialen Medien und E-Mail-Programmen bekannte Satz erinnert an die Auslagerung von Erinnerung an technische Speicher und katapultiert uns mitten in den Diskurs um Erinnern, Vergessen, Archivieren in einer Welt, die mittlerweile tagtäglich mehr Daten speichert, als alle Menschheitsgeschichte bis zur Erfindung des Internets.
Samstagnacht – Wie unangenehm die Ankunft in den Zweitausendzwanzigern in der Vergangenheit gedacht wurde, zeigen zahlreiche Science-Fiction-Werke des letzten Jahrhunderts. Eine Auswahl von Filmen zeigt das Kino Babylon (Rosa-Luxemburg-Str. 30, U-Bhf Rosa-Luxemburg-Platz) in einem retrofuturistischen Marathon, der schon am Samstag um 16 Uhr beginnt und sich bis Sonntagmorgen, 6 Uhr, erstreckt. Auf dem Programm stehen unter anderem The Thing, Terminator 2, Event Horizon, Blade Runner: Final Cut, Rifftrax Live: Space Mutiny, Uninvited. Vorkommnisse wie dieses dürften hier ausgeschlossen sein.
Womit wir beim Sonntagmorgen wären – Wer die Entwicklung der Zweitausendzehner Jahre aufmerksam mitverfolgt hat, weiß übrigens längst, dass die endgültige Abschaffung des Schlafs unausweichlich bevorsteht. Der Kino-Marathon ist daher keine Ausrede dafür, den gesehenen Retrodystopien um 11 Uhr nicht etwas Alte Musik (Mozart, Haydn und Beethoven) auf alten Instrumenten im Musikinstrumentenmuseum entgegenzusetzen. Tiergartenstraße 1, U-Bhf Potsdamer Platz, Karten kosten 14/ 8 Euro, Bestellung unter 030 25481178 oder kasse@mimpk.de
Sonntagmittag – Eine gefühlt seit Jahrzehnten immer näher rückende Ferne, so abstrakt das klingt, heißt China. Und das nicht nur weltökonomisch und politisch, sondern naturgemäß auch in der Kunst. Wie meine Kollegin Maria Kotsev schon letzten Montag schrieb, läuft im Kulturforum aktuell die Ausstellung „Micro Era. Medienkunst aus China“, die eine Auswahl an Positionen chinesischer Künstlerinnen zu Fragen von Produktion und Konsum von Bildern zeigt. Um 15 Uhr leitet Kuratorin Anna-Catherina Gebbers ein Ausstellungsgespräch zur Ausstellung, das uns das nahe Ferne noch ein wenig näher bringt. 4 Euro zzgl. Eintritt in die Ausstellungm, Matthäikirchplatz, U-Bhf Potsdamer Platz
Sonntagabend – Ein auch in China seit geraumer Zeit verbreiteter Trend kommt wiederum eigentlich aus Japan. Der beliebteste Fluchtweg aus dem stressigen Berufsalltag heißt bekanntlich Karaoke, das nur dann wirkt, wenn sich die Ausführenden bis zur völligen Selbstaufgabe fallen lassen, um im Glanz und Glamour ganz anderer Sterne und Zeiten zu erstrahlen. Will man sich dem auch in Berlin hingeben, ist Monster Ronson‘s Ichiban Karaoke (gegenüber vom U-Bhf Warschauer Straße) schon immer die erste Adresse – und zum Wochenendeende gibt es unter dem alles und nichts sagenden Titel Liquid Brunch with Zoe! jede Kabine zum halben Preis.
Mein Wochenende mit
Sarina Giffhorn a.k.a. „Vegas by Night“ und „Ava Vegas“, singt romantische Lieder auf Englisch, ist nebenbei Instagram-Style-Ikone und Gelegenheitsarchitektin.
„Ich verbringe zur Zeit viel Zeit im Studio, um das kommende Album aufzunehmen. Zum Ausgleich versuche ich seit etwa einem Jahr, jedes Wochenende aus Berlin raus zu fahren. Das Weiteste waren wahrscheinlich Forsthaus Strelitz und das bekannte japanische Café zum Löwen in Gerswalde in der Uckermark. Meine Favoriten nach dieser Erkundungszeit sind überraschendunspektakulär, nämlich Potsdam, und dort der Neue Garten, Sanssouci,die Sacrower Schinkel-Bauten, die Wannseeterrassen. Dann der Selbstmörderfriedhof im Grunewald, wo Nico begraben liegt. Auch dieses Wochenende will ich raus. Beginnen wird der Tag mit einem Kaffee im Einstein in der Kurfürstenstraße, unweit von meiner Wohnung. Sollte etwas gegen das Rausfahren sprechen, würde ich in die Sammlung Scharf-Gerstenberg gehen, anschließend im Liu Nudelhaus Sichuan Nudeln speisen. Und abschließen würde ich den Tag wahlweise in der KIM oder Victoria Bar, möglicherweise auch in der Fasanenstraße im Fasanen 47 oder bei Rum Trader. Was mir in Berlin fehlt, sind Dachlokale. Man sucht hier im Winter immer das Licht, alles Interessante ist aber am dunklen Grund der Häuserschluchten zu finden. Auch nicht schlecht wären Berge – wenn hier jemand in Zentrumsnähe, etwa Tempelhof, einen vernünftigen Berg aufschütten könnte, das wäre ein echter Gewinn.“
Leseempfehlungen
„Wir flogen hin um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckten, ist die Erde,“ sagte der Astronaut William Anders einmal. Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht öffnet im Tagesspiegel mit behutsamer Schreibhand eine Perspektive auf unseren Planeten, die vor allem dessen Fragilität hervorhebt. Es gibt zahlreiche Argumentationsweisen, die uns Menschen und unseren Einfluss auf die Welt als verschwindend gering einschätzen, gerade im Hinblick auf die verschwindend kleine Größe der Erde im Universum. Eben aus derselben Außenansicht auf die Erde webt Glaubrecht ein starkes Narrativ der Zerbrechlichkeit alles Besonderen auf dem blauen Planeten. Zur Vertiefung bietet sich sein kürzlich erschienenes Buch „Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten“ an (C. Bertelsmann, Hardcover, 1072 Seiten, 38 Euro).
Zur Fragilität der Kopplungen zwischen Mensch und Umwelt empfiehlt sich zudem immer Hannah Arendts „Vita activa oder Vom tätigen Leben“– wer es schon einmal einfach so gelesen hat, kann es mit besonderem Augenmerk auf die Zerbrechlichkeit durchaus gewinnbringend wieder tun. (Piper, 496 Seiten, 14 Euro)
Wochenrätsel
An 120 Tage werden in diesem Jahr Bretterbuden auf dem Alexanderplatz stehen. Anlässlich welcher Veranstaltung werden keine Buden aufgestellt?
a) Grüne Woche (17.– 26. Januar)
b) Firefighter-Run (8. und 9. Mai)
c) Afrika-Festival (16. Juni – 6. Juli)
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Apropos Tierwelt: Bereits seit 2016 interessiert sich ein Teil der Kunstwelt für die Stadttaube Bob, die als Performance-Partner der Medienkünstlerin Amalia Ulman (hier ein englischer Text zur Person) auftritt. Ulmans Kunst beruht im Kern auf der Inszenierung eines fiktionalen Selbst in sozialen Medien, vor allem Instagram, und den Reaktionen der Follower, die zumindest anfangs nicht wussten, wie viel der Inszenierung echt war. So ist zum Beispiel dem Erscheinen der Taube Bob in ihrem Instagram-Stream eine Serie von Bildern vorausgegangen, die eine Schwangerschaft Ulmans nahelegten und entsprechende Empathie-Bekundungen nach sich zogen. Nach Auflösung des Fakes ließen die erwartbaren Reaktionen der Netzwelt zwischen Anerkennung und Shitstorm nicht lange auf sich warten. Ulman dazu: Mit Ausnahme der Inszenierung ist im Netz sowieso nichts echt. Es war schon etwas ruhig geworden um die zwei. In den letzten Tagen haben sich aber wieder Bob-Bilder in ihrem Stream gehäuft – möglicherweise Vorboten zu etwas Größerem? Auch im Checkpoint-Kosmos gibt es übrigens ein Kunsttier: Ein gewisser „Wilde Wutz & weltschönster Jungkeiler“ muss kürzlich aus einem von Naomi Fearns Comics ausgebrochen sein – anders ist es nicht zu erklären – und hat einen Twitter-Account eröffnet. Aber sehen Sie selbst.
Haben Sie ein schönes Wochenende, am Montag feiert an dieser Stelle Julius Betschka sein Checkpoint-Debüt.