Neue Fotobox am Checkpoint Charlie: „Spaßfotos“ hinter der Berliner Mauer sollen Geschichte näher bringen
Berlins Kuriositätenkabinett hat eine neue Attraktion: Eine AR-Fotobox verspricht Geschichtsvermittlung mit „Spaß“ am Checkpoint Charlie. Für fünf Euro kann man sich zum Beispiel mit Sonnenbrille im Stasi-Büro fotografieren lassen. Am Puls der Zeit oder pietätlos? Jessica Gummersbach.
wann waren Sie zuletzt am Checkpoint Charlie? Zugegeben, kein besonders attraktives Ausflugsziel. Eigentlich weltgeschichtlich relevant, verkommt er seit Jahren zu einer Art DDR-Disneyland mit Ramschbuden und Hütchenspielern. Versuche, das Dauerprovisorium zu beenden, sind bisher gescheitert. Gerade tut sich (mal wieder) etwas: Seit zwei Wochen läuft ein europaweiter Wettbewerb für die Gestaltung eines „Bildungs- und Erinnerungsorts“. Landschaftsplaner, Architekturbüros und Ausstellungsgestalter sollen Ideen liefern; der Bund stellt knapp 1,6 Millionen Euro in Aussicht.
Derweil gibt‘s eine neue „Attraktion“ im Kuriositätenkabinett: eine „Photobooth“ verspricht „kreative AR-Fotos“. Der Werbespruch deutet an, wohin die Reise geht: „Mach dein Spaßfoto mit Geschichte!“ Mithilfe von Augmented Reality kann man sich für 5 Euro mit einem Döner-Hut fotografieren lassen. Oder mit Sonnenbrille im Stasi-Büro. Oder mit Pelzmützen hinter der Berliner Mauer, auf der geschrieben steht „Let me out“. Dazu der Spruch: „Zu spät – die Kamera hat dich.“ „Läuft richtig gut, vor allem bei Jugendlichen“, sagt ein benachbarter Standbetreiber dem Checkpoint. „Die finden das halt lustig.“
Betrieben wird die Fotobox von der Firma Cosmoproducts. Die Resonanz sei sehr gut, schreibt Geschäftsführer Martin Baack auf Checkpoint-Anfrage. Man wolle „Geschichte erlebbar machen, mit einem Augenzwinkern“. Ist das angesichts von Mauertoten und politisch Verfolgten nicht pietätlos? Man habe sich im Vorfeld mit der Frage auseinandergesetzt und sei zur Überzeugung gelangt, dass Humor und spielerische Auseinandersetzung wertvolle Formen des Umgangs mit Geschichte seien. Der Spruch „Let me out“ sei kein Verhöhnen von Opfern, sondern ein Satz, „der die Absurdität des Unrechts auf den Punkt bringt“ und den jeder Besucher sofort verstehe, schreibt Baack. „Wer das als pietätlos empfindet, dem begegnen wir mit Respekt – aber wir teilen diese Einschätzung nicht.“ Und Sie?