Auch mal mit Kunstbart zur Abstimmung: Wie ein Pankower SPD-Funktionär unter falschem Namen seine Partei kritisiert

Ein Ortsfunktionär liest Giffey die Leviten oder stimmt mit falschem Bart gegen Michael Müller – alles nicht unter seinem echten Namen. Wer ist der mysteriöse Kritiker? Von Lorenz Maroldt.

Auch mal mit Kunstbart zur Abstimmung: Wie ein Pankower SPD-Funktionär unter falschem Namen seine Partei kritisiert
Foto: Felix Hackenbruch/Tagesspiegel

Sie erinnern sich an den 30. April 2016? Eine SPD-CDU-Koalition schleppte sich erschöpft ihrem Ende entgegen, als der Regierende Bürgermeister Michael Müller auch in seiner Partei nach der Macht griff: Er kandierte auf einem SPD-Parteitag für das Amt des Vorsitzenden (das er bereits einmal innehatte, bis seine Genossen ihn stürzten) und ließ sich auch als Spitzenkandidat nominieren. Dabei kam es zu einem seltsamen Zwischenfall. Wir schalten uns an dieser Stelle deshalb nochmal in unseren Liveblog von damals ein…

Zwei Personen verweigerten Müller die Unterstützung bei der Nominierung. Einer von ihnen ist Burkhard Zimmermann, langjähriger Ortsvorsitzender in Dahlem. Eine zweite Person, die gegen Müller votierte, verschwand unmittelbar nach der Abstimmung. Sie trug einen falschen Bart. Der Mann war nicht mehr aufzufinden.“

Fast sieben Jahre später, am 11. März 2023, treffen sich die Delegierten des SPD-Kreisverbands Pankow, um über ihre Haltung zu einer Koalition mit der CDU zu beraten. Auch Franziska Giffey ist gekommen. Da tritt ein Mann ans Mikrofon und geht die Noch-Regierende Bürgermeisterin hart an. Sein Zitat geht überregional durch die Medien:

„Du bist an Wahlkampfständen eher als Wählerschreck denn als Magnet wahrgenommen worden.“

Der Mann trägt keinen langen Bart, nicht mal einen falschen. Aber er trägt einen falschen Namen. Die SPD kennt ihn als Matthias Brückmann. So wird er auch vorgestellt, so steht es auf der Website seines Ortsvereins Kollwitzplatz-Winskiez, so lautet sein Name im Untertitel der RBB-Aufzeichnung. Und unter diesem Namen verschickt er auch Mails: Matthias Brückmann, Webadresse matthias.brueckmann@XYZ.de.

Matthias Brückmann war bis vor kurzem Vorsitzender seines Ortsvereins, er ist noch immer im Vorstand. Aber auf Fotos steht er meistens hinten. Er wird nicht gerne erkannt. Denn Matthias Brückmann ist der Mann mit dem falschen Bart. Und eigentlich heißt er auch anders, jedenfalls ein bisschen: Sein richtiger Name lautet Mathias Brüggmann, und im Hauptberuf ist er International Correspondent beim Handelsblatt.  

Seine Parteifreunde schont er dort allerdings nicht. Dem SPD-Fraktionschef im Bundestag Rolf Mützenich attestiert er „friendly fire“ auf die Außenministerin. Und: „Der gefühlt in allen Talkshows zugleich sitzende SPD-Politiker Ralf Stegner und sein dauernörgelnder Kollege im Bundestag, Berlins von der Hauptstadt-SPD abservierter Ex-Bürgermeister Michael Müller, assistieren mit immer neuen ätzenden Bemerkungen zur Spitze des Auswärtigen Amtes“, heißt es in einem Brüggmann-Text. Dass er in seiner anderen Rolle als soft camouflierter SPD-Ortsvereinschef den Genossen Querschläge aus den eigenen Reihen versetzt, erfahren die Leser allerdings nicht.