20 Jahre nach dem Rütli-Brandbrief: Vom Krisenfall zum Vorzeige-Campus

Vor 20 Jahren wurde die Rütli-Schule in Neukölln durch einen Brandbrief bundesweit bekannt. Heute gilt sie als angesehener Bildungscampus. Von Jessica Gummersbach.

20 Jahre nach dem Rütli-Brandbrief: Vom Krisenfall zum Vorzeige-Campus
Credit: Tagesspiegel / Doris Spiekermann-Klaas

Heute vor 20 Jahren veröffentlichte der Tagesspiegel den „Rütli-Brandbrief“ – und am Abend war die Neuköllner Hauptschule berühmt-berüchtigt (inkl. „Tagesschau“-Bericht). Das Kollegium beklagte „totale Ablehnung des Unterrichtsstoffes“ und „menschenverachtendes Auftreten“, berichtete von angegriffenen Pädagogen, eingetretenen Türen und explodierenden Krachern. Der vielleicht bitterste Satz: „In den meisten Familien sind unsere Schüler/-innen die einzigen, die morgens aufstehen.“

Danach verwandelte sich die Schule in aller Öffentlichkeit zum angesehenen Bildungscampus – auch dank Helmut Hochschild, der kommissarisch die Leitung übernahm. Dem Checkpoint sagte er jetzt: „Ich klopfe mir heute noch auf die Schulter, dass wir das alle zusammen so hinbekommen haben“. Sein bildungspolitischer Ratschlag: Wenn Schulen selbstständiger wären und passende Unterstützung bekämen, „würden viele Probleme gar nicht so hochkochen, weil viel konkreter und schneller reagiert werden könnte.“ Außerdem plädiert er für mehr Miteinander im Kiez: „Hilfreich ist die Einbindung von unabhängigen Schulen in örtliche Netzwerke, wie Jugendamt, Sozialverbände, Vereine und auch Polizei.“

Tagesspiegel-Schulexpertin Susanne Vieth-Entus hatte damals als Erste über den Brandbrief berichtet. Zum Jahrestag sprach sie mit Cordula Heckmann, die den Rütli-Campus von 2009 bis 2023 leitete und nach ihrer Pensionierung das Buch „Gebt die Kinder nie auf“ schrieb. Heute sagt sie: „Armut verdeckt Talent, das wissen wir. Und das ist seit Langem der Skandal.“ Was aus ihrer Sicht an den Schulen geschehen muss, können Sie hier unter diesem Link lesen.