Ukraine lehnt Integrationsklassen ab

Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka hat sich mit einem Forderungskatalog an hiesige Schulbehörden gewandt – und der hat es in sich. Aus dem Checkpoint. Von Lorenz Maroldt

Ukraine lehnt Integrationsklassen ab
Die Ukraine lehnt die Aufnahme geflüchteter Kinder in deutsche Integrationsklassen ab – sie erwartet stattdessen Unterricht wie in der Heimat. Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Die ukrainische Generalkonsulin… nein, eigentlich ist das gar kein Hilferuf, was Iryna Tybinka der Kultusministerkonferenz da gerade schriftlich gegeben hat, sondern ein anklagender Forderungskatalog. Zentraler Punkt des neunseitigen Schreibens, das sie auch im Namen von Bildungsminister Serhij Schkarlet übermittelt: Die Ukraine lehnt die Aufnahme geflüchteter Kinder in deutsche Integrationsklassen ab – sie erwartet stattdessen Unterricht wie in der Heimat. Die Begründung in vier Punkten:

1. Es geht nur um einen vorübergehenden Aufenthalt.

2. Die Kinder brauchen Kontinuität beim Bildungsprozess.

3. Die nationale Identität muss erhalten bleiben.

4. Zusätzlicher psychischer Druck muss vermieden werden.

Ihre „Botschaft“ versteckt die Generalkonsulin nicht hinter diplomatischen Floskeln – so fordert sie Deutschland auf, „die Komfortzone“ zu verlassen. Hier einige Auszüge:

Die Ukraine ist ihrem Territorium nach das größte Land Europas. Ein Land mit einer jahrtausendalten Geschichte, die sich häufig mit der historischen Entwicklung Deutschlands gekreuzt hat und von ihr beeinflusst wurde. Und diese Geschichte fehlt in den schulischen Lehrplänen und Richtlinien praktisch gänzlich. In Deutschlands Lehrplänen und Richtlinien dominiert nach wie vor Russland und russischer Imperialismus. Daher stammen auch die Neigungen und das Bestreben vieler Menschen in Deutschland, Russland zu verstehen, Russlands Verbrechen zu rechtfertigen, aber auch die Angst davor, Russland irgendwie zu kränken. All das, was wir bereits vor dem Krieg gespürt haben, hält immer noch viele in Deutschland davor zurück, angemessen und in voller Entschlossenheit auf die Aggression Russlands zu reagieren.“

Die so genannten Integrationsklassen würden für die ukrainischen Kinder eine Wand des Unverständnisses, das Gefühl der Minderwertigkeit und des geringen sozialen Schutzes bedeuten.“

„Ich rufe Sie dazu auf, Abstand von der Hilfe verschiedener Integrationsvereine aus dem ehemaligen Ostblock zu nehmen. Die Mehrheit dieser Vereine ist ein Instrument russischer Propaganda. Das ist nichts anderes als eine tickende Zeitbombe.“

Tybinka fordert für die geflüchteten Kinder eine temporäre Beschulung nach dem ukrainischen Bildungssystem unter Einbeziehung ukrainischer Lehrkräfte – und das sei ab sofort möglich:

In der Pandemiezeit wurde in der Ukraine eine breite Online-Plattform für die Beschulung der Klassen 5 bis 11 entwickelt, das ist die allgemeine ukrainische Online-Plattform Schule (e-school.net.ua). In Sachen Digitalisierung ist die Ukraine ein äußerst modernes Land. Es hat alle Schulbücher in allen Schulfächern in digitaler Form öffentlich zugänglich.“

Die Unterschiede zwischen den Schulsystemen beschreibt die Konsulin so: In der Ukraine sei der Unterricht „intensiver, vollzieht sich in kürzerer Zeit als in Deutschland und hat ebenso höhere Anforderungen.“