Inge Deutschkron gestorben
Inge Deutschkron ist gestern im Alter von 99 Jahren gestorben – jeder ihrer Geburtstage war ein kleiner Sieg über Adolf Hitler, sie hatte den Holocaust als Kind mit ihrer Mutter in Berlin überlebt. Ihr zu Ehren hier ein Ausschnitt der Rede, die sie am 30. Januar 2013 im Bundestag hielt:
„Die letzten Berliner Juden holte man vornehmlich aus Fabriken ab, wo sie zur Herstellung von Munition für Hitlers Kriege zwangsverpflichtet gewesen waren. Doch man ergriff sie auch, wo und wie man sie fand: in ihren Wohnungen, auf der Straße, im Morgenrock, im Arbeitskittel. Ahnungslos folgten sie den Anweisungen, genau wie die Deportierten vor ihnen, von deren Schicksal sie nichts wussten. Zurück blieb die kleine Zahl derer, die ein Versteck gefunden hatten und in die Illegalität gingen wie meine Mutter und ich.
Auch ich sah sie vom Fenster aus, sehe sie noch heute, in ihrem Erschrecken wie erstarrt, von Polizisten in die Wagen gestoßen. ‚Schnell, schnell, schnell‘, trieb man sie an. Diese letzte Deportation aus Berlin dauerte mehrere Tage.
Dann waren sie alle weg – meine Familie, meine Freunde, die blinden jüdischen Bürstenzieher von Otto Weidt, die jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ihre Orden noch am Revers ihres Mantels. Wir hatten keinen Schrei gehört, sahen kein Aufbegehren; blickten ihnen nach, wie sie gehorsam ihren letzten Weg antraten.
Des Nachts sah ich sie wieder vor mir, hörte nicht auf, an sie zu denken: wo waren sie jetzt? Was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu fühlen. Mit welchem Recht, so fragte ich mich, verstecke ich mich, drückte ich mich vor einem Schicksal, das auch das Meine hätte sein müssen? Dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los.“